Demnach muss der Bau einen Beitrag zur gesellschaftlichen Solidarität, zur Steigerung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit des Landes sowie zum verantwortlichen Umgang mit den natürlichen Lebensgrundlagen leisten.

Mit einem Investitionsvolumen von rund 40 Milliarden Franken pro Jahr birgt allein der Hochbau in der Schweiz ein grosses Potenzial.

Um dieses grosse Potenzial auszuschöpfen, müssen alle über den Lebenszyklus einer Baute involvierten Anspruchsgruppen ihre Verantwortung wahrnehmen – also von der Finanzierung, Planung, Ausführung bis zum Betrieb und Rückbau.

Der Energieverbrauch über diesen ganzen Lebenszyklus definiert die Gesamtenergiebilanz. Wir haben uns mit Andreas Baumgartner, Bauingenieur und Experte für nachhaltiges Bauen, technischer Sekretär von Netzwerk Nachhaltiges Bauen Schweiz (NNBS), unterhalten.

Der Endenergieverbrauch der Gebäude beläuft sich auf circa 45 Prozent des schweizerischen Gesamtverbrauchs. Wo verschwindet all die Energie im Gebäude?

Man hat manchmal tatsächlich das Gefühl, die Energie verschwindet, weil vor allem der gemessene Verbrauch von älteren Gebäuden für Raumheizung, Warmwasser, Geräte und Beleuchtung sehr hoch ist. Neue oder sanierte Gebäude benötigen heute Faktor 4 bis 5 weniger Energie als noch vor 25 Jahren.

Noch nicht eingerechnet ist allerdings die Energie zur Erstellung oder zur Erneuerung des Gebäudes.

Können Sie den Begriff Erstellungsenergie etwas konkreter beschreiben?

Wird ein Gebäude neu erstellt oder ein bestehendes erneuert, werden grosse Mengen von Materialien bereitgestellt, aufbereitet, auf die Baustelle transportiert und letztendlich durch die einzelnen Handwerker verbaut. Alle diese Prozesse verbrauchen Energie, bevor das Gebäude überhaupt erst bezogen werden kann. Man nennt dies «graue Energie» oder eben Erstellungsenergie, in einer Gesamtenergiebilanz ist diese zu berücksichtigen.

Und was ist die Relevanz der grauen Energie im Gesamtkontext?

Früher wurde bei einem Bau lediglich die Funktion von energiesparenden Techniken und die optimale Wärmedämmung betrachtet. Um heute wirklich nachhaltig zu bauen und  einen SNBS-Standard (Standard Nachhaltiges Bauen Schweiz) zu erreichen, muss eben auch die graue Energie miteinbezogen werden.

Da stellt sich dann beispielsweise die Frage, ob ich einheimisches Holz mit kurzen Transportwegen nutze oder ob ich Recycling-Beton für Decken und Wände verwende.

Ein wichtiger Aspekt ist somit auch die Mobilität; welcher Zusammenhang besteht da zur Immobilie?

Ja, genau. Ein Gebäude, und nicht zuletzt dessen Standort, verursacht Mobilität, egal ob es sich um Wohn- oder Bürobauten handelt. Der vom Gebäude ausgelöste Energieverbrauch lässt sich abhängig vom Standort, vom Erschliessungsgrad und weiteren Einflussgrössen berechnen und zeigt dann erstaunliche Ergebnisse im Quervergleich. Die Betriebsenergie, die graue Energie und die Mobilitätsenergie machen je ein Drittel der Gesamtenergiebilanz über die gesamte Lebensdauer eines Gebäudes aus. 

Und wo geht die Reise hin bezüglich Energie in Gebäuden?

Unsere Gebäude werden zu eigentlichen Kraftwerken und produzieren übers Jahr mehr Energie, als sie verbrauchen. Die fossilen Energieträger Öl und Gas werden aus den Gebäuden verschwinden. Die technischen Fortschritte, die wir in den letzten Jahren mit geschickter Wärmedämmung, Wärmepumpen, Photovoltaik und intelligenter Gebäudetechnik erreicht haben, sind schon imposant.

Die Schweiz will den Energieverbrauch bis 2050 um zwei Drittel senken.

Besonders die Photovoltaik ist zu einem standardisierten Bauelement geworden, das vielseitig in Dächer und Fassaden integriert werden kann. Zudem haben wir heute auch Baustandards, die viel umfassender sind als früher.

So deckt der SNBS nicht nur die Betriebsenergie eines Hauses ab, sondern auch die Erstellungs- und die Mobilitätsenergie.

Die Schweiz will den Energieverbrauch bis 2050 um zwei Drittel senken, die Emissionen aus Treibhausgasen sollen sogar auf ein Viertel vermindert werden. Dass das erreichbar ist, zeigen unterdessen schon zahlreiche Bauten quer durchs Land.