VERKEHRSPOLITIK SCHWEIZ
«Wir können uns Ineffizienzen eigentlich gar nicht mehr leisten.»

Valentin K. Wepfer
GStellvertretender Geschäftsleiter GS1 Schweiz Leiter Geschäftsbereich Collaborative Supply Chains

Ob Lebensmittel für den Supermarkt oder Bauteile für den Gotthard Basistunnel: Güter und Waren sollen schnell, kostensparend, sauber und leise an ihren Bestimmungsort gelangen. Damit beim Transport keine Verzögerungen auftreten, sind leistungsfähige Güterverkehrsnetze und Logistiksysteme nötig. Doch wie zufrieden sind Logistik- und Supply-Chain-Experten mit der Verkehrspolitik der Schweiz?

Laufende politische Diskussionen rund um die Mobilität der Zukunft
Das Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK) rechnet in den kommenden Jahren mit einer massiven Zunahme an Strassen- und Schienenverkehr. Laut den aktuellsten Studien sollen im Zeitraum 2010 bis 2030 der öffentliche Personenverkehr um 50 Prozent, der motorisierte Individualverkehr um 19 Prozent, der Güterverkehr Strasse um 27 Prozent und der Güterverkehr Schiene um 77 Prozent zunehmen. Zur Bewältigung dieser Verkehrszunahmen durch den Ausbau der bestehenden Infrastrukturnetze sind grosse finanzielle, zeitliche, politische und personelle Anstrengungen nötig. Die vielen zur Diskussion stehenden Ausbauprojekte sind aber aufgrund des kontinuierlichen Bedürfniswandels kritisch zu hinterfragen. Für die künftige Ausgestaltung der Mobilitätsinfrastrukturen stehen nicht die Wahl zwischen bestimmten Verkehrsmitteln im Vordergrund, sondern die kluge Kombination und die intelligente Ausnutzung der vorhandenen Infrastruktur. Denn die Schweiz verfügt bereits über ein sehr gutes, langfristig optimierbares Verkehrssystem. Des Weiteren ist es unerlässlich, dass dem Aspekt der Nachhaltigkeit in der Planung und im Umgang mit den bevorstehenden Herausforderungen ein hoher Stellenwert zugewiesen wird. Nur so kann das grosse zukünftige Volumen an Projektgeschäften sinnvoll und in Einklang mit umwelt- und energiepolitischen Zielen bewältigt werden.

Quo vadis, Verkehrspolitik?
63 Prozent der befragten Experten sind ganz oder teilweise unzufrieden mit der heutigen Verkehrspolitik mit Fokus auf den Güterverkehr. Das zeigt die jüngste Befragung des Lehrstuhls für Logistikmanagement und des Fachverbands GS1 Schweiz. Bemängelt wird das Fehlen einer Vision und einer Gesamtstrategie für die Mobilität der Schweiz. Als Ursachen werden unterschiedliche Partikularinteressen und fehlende Kompromissbereitschaft aller Akteure in Politik und Wirtschaft aufgeführt. Nur gerade 20 Prozent denken, dass sich dieser Umstand realistisch korrigieren lässt. Trotz der Unzufriedenheit anerkennen die Experten die hohe Qualität der Infrastruktur. Angesichts des täglichen Verkehrsinfarkts und des wachsenden Güterverkehrs sind neue Wege, Ideen und Visionen notwendig. Heute erfolgen rund 78 Prozent aller Transporte in der Schweiz auf der Strasse. Dabei werden 356 Millionen Tonnen bewegt. Das Strassennetz ist stark belastet und 74 Prozent aller Staustunden gehen auf diese Überlastung zurück. Für 2020 wird geschätzt, dass rund 18 Prozent des Nationalstras­sennetzes regelmässig überlastet sein werden. Auf der Schiene erfolgen 14 Prozent aller Transporte in der Schweiz. Durch die politisch gewollte Verlagerung auf die Schiene wird mit einem weiteren Wachstum gerechnet. Bezogen auf die einzelnen Verkehrsträger wird der dringlichste Handlungsbedarf auf der Strasse gesehen. Über 70 Prozent sehen hier eine sehr schlechte bis ungenügende Gesamtsituation, die vor allem auf die Überlastung der Nationalstrassen und Autobahnen zu Stosszeiten zurückzuführen ist. Prognosen gehen davon aus, dass der Güterverkehr auf Schweizer Strassen in den nächsten 20 Jahren zwischen 36 Prozent und 87 Prozent zunehmen wird. Auf der Schiene beträgt das Wachstum sogar zwischen 48 und 96 Prozent. Damit das steigende Güterverkehrsaufkommen in Zukunft gemeistert werden kann, müssen heute die Weichen gestellt werden. Laut der Umfrage wird grundsätzlich eine engere Zusammenarbeit zwischen Politik und Wirtschaft gewünscht und auch gefordert. Ziel sollte es sein, eine übergeordnete Verkehrspolitik mit einer ganzheitlichen Strategie zu etablieren.


Vision, Ziele und Strategie?
Für das befragte Expertenpanel liegt der dringendste Handlungsbedarf darin, die Partikularinteressen zu einem ganzheitlichen Masterplan für Güterverkehr und Logistik zusammenzuführen. Erschreckend ist, dass die Umsetzung dieser Massnahme gemäss den Experten als am unrealistischsten eingeschätzt wird. Nur gerade 21 Prozent betrachten nämlich die Zusammenführung und Verknüpfung der unterschiedlichen Interessen zu einer gesamthaften Vision als realistisch. Laut Expertenmeinung dauern unsere politischen Prozesse zu lange, Parteien sind sich in der Vorgehensweise nicht einig und es fehlt der Wille, Innovationen voranzutreiben. Zwar sehen rund 30 Prozent der befragten Experten die Themenstellungen rund um Umwelt, Energie und Technologie im Fokus der Schweizer Verkehrspolitik 2050. Dabei stehen vor allem die Förderung neuer Technologien sowie die Schaffung eines Innovationsvorsprungs im Vordergrund. Es zeichnen sich nicht nur optimistische Visionen hinsichtlich der Entwicklungen in den Bereichen Umwelt, Energie und Technologie ab. So wird die Fähigkeit zur Implementierung neuer Technologien in Frage gestellt. Auch sind lediglich 15 Prozent der Experten der Meinung, dass die Schweiz durch die Realisierung einer unterirdischen Transportverbindung zwischen Schweizer Zentren eine Vorreiterrolle einnehmen soll. Die Frage stellt sich, ob dies ein Zeichen von klugem Abwarten ist oder einem dem technischen Wandel hinterherhinken gleichkommt. Wir können uns Ineffizienzen gar nicht mehr leisten. In Zukunft sind intelligente Infrastrukturprojekte, ausgeklügelte Logistikkonzepte zur Bündelung des Güterverkehrs und mit moderner IT vernetzte Verkehrssysteme die indiskutable Voraussetzung für eine wettbewerbsfähige Wirtschaft. Um diese Anforderungen sicherzustellen, müssten alle Akteure über den eigenen Schatten springen. Die Wirtschaft, Dienstleister wie auch Verlader und Verbände, Wissenschaft, Politik und Verwaltung sind gefordert, eine gemeinsame Vision zu entwickeln. Nur so kann eine Güterverkehrsplanung entstehen, von der alle Beteiligten langfristig profitieren könnten.