Ueli Stückelberger, was macht das ÖV-Netz der Schweiz so vorbildlich?
Wir bieten einen dichten Taktfahrplan an, man kommt mit dem öffentlichen Verkehr sozusagen überall hin, praktisch zu allen Zeiten, und die Qualität ist sehr gut. Wir offerieren Pünktlichkeit, solides Rollmaterial, und deshalb ist das Image des öV in der Bevölkerung hervorragend. Kommt dazu, dass wir im Gegensatz zum Ausland ein offenes System haben. Mit einem einzigen Ticket können die Passagiere überall fahren, ob Bahn, Bus oder Schiff, ob SBB, BLS oder Postauto, und das wird sehr geschätzt.

Können Sie dieses gute Image auch in der Zukunft beibehalten?
Der ÖV ist eine Erfolgsgeschichte, aber auch eine Herausforderung. Um Qualität anzubieten, müssen wir ausbauen, aber wir müssen genau wissen, was wir verbessern wollen. Der Unterhalt der Infrastruktur ist ein ständiger Prozess. Er ist notwendig, um die Sicherheit zu gewährleisten, die Fahrplanstabilität und die Pünktlichkeit einzuhalten.

Wo sind die Prioritäten?
Bund und Kantone unterstützen den Ausbau der Bahninfrastruktur und auch das Parlament ist dazu bereit; ich bin optimistisch. Dabei dürfen wir uns nicht auf einzelne Vorhaben konzentrieren, sondern das gesamte Angebot anschauen. Wir benötigen mehr Kapazität: mehr Züge, längere Züge, mehr Platz in den Bahnhöfen; die Geschwindigkeit ist sekundär. Wir bauen dort laufend aus, wo im Netz kleinere Anpassungen nötig werden.

Welches ist der grösste Vorteil des ÖV?
Die Schonung der Umwelt und der geringe Platzbedarf. Wir transportieren viele Güter auf wenig Fläche schnell, bequem und ohne CO2-Fussabdruck. Auch die Autos sind umweltschonender geworden, aber wir müssen die Gesamtbelastung beurteilen. Die Eisenbahn ist ausser dem Velo am nachhaltigsten und auch am zuverlässigsten. In den Zentren fahren mehr als die Hälfte der Menschen mit Zug, Trams oder Bussen und sind damit schneller als auf der Strasse, und sie können erst noch arbeiten oder sich erholen.

Was ist im ÖV nicht wegzudenken?
Das dichte Netz, die guten Anschlüsse, die kurzen Wartezeiten.

Wo müsste investiert oder gebaut werden, wenn das Geld keine Rolle spielen würde?
Da bin ich realistisch. Ich bin zufrieden, wenn wir die Vorlage FABI (Finanzierung und Ausbau der Bahninfrastruktur) gewährleisten und Kapazitäten im Regionalverkehr verbessern würden. In den Agglomerationen gibt es noch wichtige Aufgaben, da brauchen wir mehr S-Bahnen.

In der Schweiz läuft alles über das gleiche Schienennetz. Kann das so bleiben?
Das muss sogar so bleiben. Im Mischverkehr in der dicht bebauten Schweiz gibt es nicht mehr Platz. Aber die Vorlage FABI gewährleistet, dass auch der Güterverkehr gebührend berücksichtigt wird.

Wie steht es um den Service public, also mit der Bedienung auch der abgelegensten Bergtäler?
Der Vorteil des ÖV ist ein flächenmässig gutes Angebot auch für die Freizeit. Wird irgendwo eine Verbindung herausgeschnitten, hat dies Auswirkungen auf andere. Es gibt keinen Ersatz für den ÖV und keine Alternative für den flächendeckenden Service public.

Sind die ständig steigenden Ticket-Preise nicht zu teuer? Sind sie überhaupt kostendeckend?
Nein, die Billettpreise sind heute nicht kostendeckend, und sie werden es auch nie sein. Aber die Kundinnen und Kunden erhalten einen guten Gegenwert für ihr Geld. Wir müssen aber vorsichtig schauen, wie wir die Preise weiter entwickeln können.

Nach der Eröffnung des Gotthard-Basis-Tunnels rücken das Tessin und die Deutschschweiz näher zusammen. Auch der Lötschberg-Tunnel verkürzt viele Strecken. Wie steht es mit den Anschlüssen im Ausland?
Sie funktionieren schon heute teils sehr gut, etwa beim TGV ab Basel, Zürich, Lausanne und Genf, auch mit dem ICE via Basel. Es gibt Ausbauten im Güterverkehr nach Deutschland und Italien. Mittelfristig braucht es jedoch Massnahmen.

Ihr Wunschtraum bezüglich ÖV?
Dass er weiterhin so beliebt bleibt und wir noch mehr Kundinnen und Kunden gewinnen. Ich bin für eine realistische Entwicklung, nichts Futuristisches. Aber ich sehe ein grosses Potential für den Freizeitverkehr.

Wie nutzen Sie persönlich den ÖV?
Ich fahre mit dem Bus zur Arbeit und mit der Familie im Zug zum Freizeitvergnügen.