In der erwachsenen Bevölkerung der Schweiz gibt es zahlreiche Bewegungsmuffel. Neue Erhebungen zeigen, dass 60 Prozent nicht genügend gesundheitswirksame Aktivitäten pflegen, und 16 Prozent sind inaktiv. Die Gesundheitsbehörden schätzen, dass dies 2 Millionen Krankheitsfälle, 3000 vorzeitige Todesfälle und Kosten von 2,5 Milliarden Franken verursacht.

Dagegen steht eine hoffnungsvolle Zahl: In der Schweiz gehen 90 Prozent der Kinder zu Fuss oder mit dem Velo zur Schule. In den USA ist es nur etwa ein Viertel. Ohnehin geniessen die Kinder dank dem obligatorischen Turnunterricht mehr Bewegung als viele Eltern. In der Schweiz gibt es immerhin die weit verbreitete Kultur, in der Freizeit ins Freie zu gehen, sagt der Präventiv- und Sportmediziner Brian Martin vom Zürcher Universitätsinstitut für Sozial- und Präventivmedizin (ISPM). Andere Länder kennen diese Kultur nicht.

Vorbildliche Städteplanung
Mediziner wie Brian Martin und sein Team, aber auch die Gesundheitsbehörden bemühen sich, der Bevölkerung zu helfen, sich mehr zu bewegen. Es gebe gute internationale Ansätze, die auch bei uns Wirkung zeigen, sagt Martin. Beispielsweise die Städteplanung: Es gibt heute in allen Städten Fussgängerzonen. Und Veloförderungsprogramme wie jenes der Stadt Zürich seien ein wichtiges Konzept.

Die Leihvelos in grösseren Städten im Ausland findet Dr. Martin eine interessante Option. London entdeckte erst durch den drohenden Verkehrsinfarkt das Velofahren. Nach der Einführung einer Gebühr für das Befahren der Innenstadt mit dem Auto stiegen viele Londoner auf das Velo um. Führende Velo-Nationen sind die Niederlande und Dänemark.

Gemeinsam geht es besser
Die Kommunikation ist ein weiteres Tool, um die Bewegung zu propagieren und die Wertvorstellungen zu ändern. Heute gilt es nicht mehr als abwegig, wenn ein hoher Manager mit dem Velo zur Arbeit fährt. Allerdings braucht das eine gute Infrastruktur, zum Beispiel Duschen am Arbeitsplatz. Das Gemeinschaftserlebnis ist ein weiterer guter Ansatz. Dörfer, Firmen, Lebensgemeinschaften, Quartiere treiben gemeinsam Sport. Wie gut die «community intervention» funktioniert, zeigt das Beispiel von Sao Paulo. New York tat dafür viel für die Fussgänger. Gehen ist ohnehin weit verbreitet. Der Breitensport machte Walking und Nordic Walking populär.

Hausärzte als Präventiv-Mediziner
Zu den international entwickelten Ansätzen gehört die Bewegungsförderung durch Arztpraxen. Sport- und Hausärzte werden dazu ausgebildet, auch durch das ISPM Zürich und gemeinsam mit dem Zentrum «move>med» der orthopädischen Universitätsklinik Balgrist. Die Ärzte schätzen es, ihre Patienten nicht nur kurativ, sondern auch präventiv beraten zu können. Gegenwärtig wird darüber diskutiert, ob auch die Physiotherapeutinnen und –therapeuten diese Ausbildung erhalten sollen.

Früher, so Brian Martin, gingen die Leute viel mehr zu Fuss, aber nicht weil sie ihre Gesundheit pflegen wollten, sondern weil sie keine andere Wahl hatten. Die industrielle Revolution im 19. Jahrhundert und die technologischen Entwicklungen vor 20 Jahren brachten eine gewaltige Veränderung.
Es ist erwiesen, dass Bewegung wirksam gegen wichtige nichtübertragbaren Krankheiten hilft: Herz-Kreislauf, Diabetes, Krebs. Der gute Einfluss körperlicher Aktivitäten auf Herz-Kreislaufprobleme und Diabetes ist allgemein bekannt. Aber auch Krebsarten wie Dickdarm- und Brustkrebs werden nach neuesten Studien durch Bewegung günstig beeinflusst.

Brian Martin wünscht sich, dass die positive Entwicklung der Bewegungsförderung weiter zunimmt. Und er empfiehlt den Bewegungsmuffeln, eine halbe Stunde körperliche Aktivität pro Tag einzuplanen, auch in der nasskalten Jahreszeit. Er selber geht bei jedem Wetter joggen, betont er. «Aber auch unter Dach ist Bewegung im Alltag machbar: Treppe statt Lift, eine Tramstation zu früh aussteigen, Hometrainer, Fitnessclub. Es gibt viele Möglichkeiten, körperlich aktiv zu sein.»