Doch wie ist das möglich, wo doch grosse Veränderungen anstehen und von Technologie- und Umweltseite gewarnt wird? Die Studie, den Unkenrufen zum Trotz?

Alternative Vision

Veränderungen im Energiebereich kommen und fordern uns, zweifelsohne. Doch wie werden wir dem begegnen? Stefan Breit, Researcher und Studienleiter der GDI Gottlieb Duttweiler Institute, gibt Einblick in seine Studie:

«Der Wandel kommt auf uns zu, das ist unbestritten und dazu gibt es bereits grosse Untersuchungen. Im Rahmen unserer GDI-Studie ‹Die neue Energiewelt – vom Mangel zum Überfluss› wollten wir das Energiesystem von einem ganz anderen Blickwinkel aus, losgelöst von bisherigen Denkmustern und Methoden, untersuchen. Dies war eine grosse Herausforderung für uns. Wir suchten quasi eine alternative Vision.

Uns ist aufgefallen, dass überall von Knappheit gesprochen wird. Wir sind jedoch der Überzeugung, dass wir in der Schweiz bezüglich Energie im Überfluss leben und sich im  21. Jahrhundert das globale Energiesystem von einem System der Knappheit in ein System des Überflusses transformieren wird. Energie wird dann nicht nur immer und überall in der benötigten Menge zur Verfügung stehen, sondern wird auch zu 100 Prozent aus nicht fossilen Quellen gewonnen. Die alte industrielle Welt des Öls transformiert zur neuen digitalen Welt der Elektrizität.»

Wie leben wir heute – wie leben wir morgen

Ob wir, so die Studie, in einer warme Stube sitzen, eine Fahrt ins Tessin machen, eine Whatsapp-Nachricht checken oder gar joggen, Energie sei unser ständiger Begleiter. «Auch in der Energiestrategie 2050 wird betont, dass die Schweiz heute über eine sichere und kostengünstige Energieversorgung verfügt», so Stefan Breit weiter, «und dass wirtschaftliche und technologische Entwicklungen sowie politische Entscheide im In- und Ausland derzeit zu grundlegenden Veränderungen der Energiemärkte führen werden.

Wir sind in unserer Studie der Meinung, dass es der Erschliessung und Nutzung immer neuer Energiequellen zu verdanken ist, dass ein Teil der Menschheit bisher einen materiellen Überfluss erreicht hat.  

Wir sind überzeugt, dass wir  im 21. Jahrhundert noch einen Schritt weiter gehen werden und das globale Energiesystem sich, ebenso wie die globale Kultur, grundlegend verändern wird. Aus einem jahrtausendealten System der Knappheit wird erstmals ein System, eine Gesellschaft des Energieüberflusses!»

Eine Utopie? Breit ist überzeugt: «Diese grundlegende Veränderung wird kommen und wir werden sie bewusst erleben. Das wird zwar nicht auf einen Schlag passieren, aber für alle Beteiligten spürbar sein.»

Der Weg in die Zukunft: die Shifts

Wie genau das Energieüberflusssystem aussehen werde, sei nur in den Grundzügen klar. «Ob dabei die Sonne im Mittelpunkt steht, die Kernfusion oder eine Energiequelle, ist offen, und wer dafür verantwortlich sein wird auch», meint der Studienleiter.

«Aber eines ist sicher: Die Frage ist nicht, ob wir dort ankommen werden, sondern was auf dem Weg in den Überfluss passiert. Veränderungen, oder sogenannte Shifts, sind die Antwort, und die fallen nicht vom Himmel, sondern resultieren aus einer Vielzahl von Aktionen.

Wir definieren in der Studie insgesamt 30 der aus heutiger Sicht wichtigsten Shifts aus dem gesellschaftlichen, technologischen, wirtschaftlichen, ökologischen und politischen Wandel.»

Verantwortlich für die Entwicklung

Eine zentrale Rolle im Übergang zur Energieüberflussgesellschaft, so das Studienkonzept, werden staatliche Institutionen spielen. Erstens, weil in einer elektrifizierten Welt die Wichtigkeit der Staaten zunimmt, und zweitens, weil bei Investitionen für eine Überflussgesellschaft der volkswirtschaftliche Nutzen wichtiger sei als der betriebswirtschaftliche Gewinn.

Und drittens, weil die Weiterentwicklung hin zur Überflussgesellschaft vor allem über Krisen- oder Umbruchsituationen geschehen werde. Breit sieht das als logisch an, denn jeder Shift verursache eine Disruption, Revolution oder Katastrophe.

«Dies eröffnet dann einen Gestaltungsraum für zentrale Akteure und eine Chance, das Energiesystem insgesamt zukunftsfähiger zu machen. Denn Zukunft entsteht nicht auf geraden Wegen», resümiert Breit.
 

Ganze Studie unter: www.gdi.ch/energie

Begriffe - Was ist was?

Energy Cyborg
Der Energielifestyle der Zukunft schliesst mehr ein, als suffizient zu leben und freiwillig auf Energie zu verzichten. Der Mensch wird selbst zum Kraftwerk und produziert einen Grossteil der von ihm benötigten Energie im, am  oder auf dem Körper.

Disaster Displacement
Der Klimawandel führt zu häufigeren und heftigeren Naturkatastrophen, und damit zu mehr Migrations­bewegungen. Das bewirkt nicht nur einen sprunghaften Anstieg der Bevölkerung in den betroffenen Einwanderungsregionen, sondern auch eine Schärfung des globalen Bewusstseins für den Klimawandel.

Kobaltschock
Ein Netz von neuen Speichermöglichkeiten entfaltet sich. Das führt dazu, dass sich neue materielle Abhängigkeiten zeigen: Die Bedeutung von Rohstoffen für die Energieproduktion wie Erdöl, Gas und Kohle nimmt langfristig ab, diejenige von Rohstoffen für die Speicherherstellung wie Kobalt und Lithium hingegen zu.

Global Grid
Das europäische Stromnetz, in das die Schweizer Stromversorgung integriert ist, weitet sich sukzessive aus und schliesst sich letzten Endes mit anderen Versorgern in einem weltumspannenden «Global Grid» zusammen. Damit können die effizientesten Kraftwerke und Übertragungstechnologien der Welt auch global geteilt werden.

Gratisenergie
Da die Grenzkosten für erneuerbare Energie gegen null tendieren, wird Ähnliches auch für die Energie allgemein gelten. Konsumenten zahlen nicht mehr mit Geld, sondern mit Nutzerdaten.