Die Gebäudetechnik ist ein zentrales Element, wenn es um den Energieverbrauch im Gebäude geht. Wie lässt sich am besten Energie sparen?

Das kommt auf das Gebäude sowie dessen Nutzung an. Bei schlecht isolierten Gebäuden lässt sich am besten Energie sparen durch eine energetische Sanierung. Diese enthält in der Regel drei Hauptkomponenten:

  • Energieeffizienz (Dämmung und Gebäudetechnik)
  • Energieproduktion (Photovoltaik [PV, PVT etc.])
  • Energiespeicherung (thermisch und elektrisch).

Die weit verbreitete Aussage «nur eine eingesparte Kilowattstunde ist beste Lösung» stimmt heute nicht mehr in jedem Fall. Genauso wenig gibt es die «eine» alles lösende Technologie.

Die optimale Lösung, um Energie im Gebäude zu sparen besteht gerade in der Vielfalt der Möglichkeiten und Lösungen. Diese ist bedarfsgerecht, technologieoffen und schafft Win-Situationen für Investoren, Mieter und die Umwelt. Um eine Einzelfallbetrachtung kommt der Gebäudebesitzer aber nicht herum. Mit dem EnWI-Tool des energie-cluster.ch kann so etwas berechnet werden.

Welche konkreten Baumassnahmen unterstützen dieses Vorhaben bei einem Neubau?

Die konkreten Baumassnahmen sind eine gute Dämmung, ein CO2-freies Heizsystem, A+-Elektrogeräte, eine Energieproduktion auf dem Dach und in der Fassade, Speicherung und – heute ganz wichtig – ein Energiemanagement-System. Dieser sogenannte Boardcomputer im Haus steuert, wann das Heizsystem anspringt oder doch besser die Energie vom Dach genutzt wird, wann der Speicher genutzt und geladen wird und wann das Netz.

Die Steuerung und Regelung der Gebäudetechnik ist besser bekannt unter dem Namen Smart Home und Smart Loading. Hier wird das Haus nicht mehr nur der «Consumer» von Energie, sondern auch zum «Producer» von Energie, also zum sogenannten «Prosumer».

Das Haus wird somit netzdienlich und hilft übergeordnet, Energie effizient zu nutzen. Ein Plusenergie-Gebäude (Gebäude welches über das Jahr gerechnet mehr Energie produziert, als es verbraucht) ist somit mit den heutigen Technologien fast nicht mehr zu vermeiden.

Die Mustervorschriften der Kantone (MuKEn 2014) bilden die Basis für die kantonalen Energiegesetze und sind vielerorts in Überarbeitung oder schon überarbeitet. Sie bilden die gesetzliche Grundlage.

Die Minergie-Labels gehen über die gesetzlichen Anforderungen hinaus. Da sich diese Massnahmen nicht alle rechnen, werden diese gefördert durch das Gebäudeprogramm. Die verschiedenen Minergie-Labels setzen verschiedene Schwerpunkte wie Dämmung (Minergie-P), Produktion und Eigenverbrauch (Minergie-A) oder Verwendung ökologischer Baumaterialien (Minergie-Eco).

Bei grösseren Überbauungen stehen die 2000-Watt-Areale, der SNBS (Standard Nachhaltiges Bauen Schweiz) und ganz neu die Plusenergie-Quartiere der Hauptstadtregion im Fokus.

Und wie sieht es bei einer Gebäudesanierung aus?

Die konkreten Baumassnahmen sind bei der Sanierung die gleichen wie beim Neubau. Der Unterschied liegt in der Gewichtung und Priorisierung. Was generell gesagt werden kann und sich in allen Berechnungen mit unserem Tool EnWI zeigt, ist, dass sich die Pinselsanierung (Malen des Gebäudes) nicht rechnet.

Energetische Massnahmen rechnen sich jedoch sehr wohl, und dies nicht nur für den Investor (Rendite), sondern unter Umständen auch für den Mieter (niedrigere Bruttomiete) und die Umwelt (weniger CO2-Ausstoss). Dazu benötigt es aber immer eine Einzelfallbetrachtung, was die sinnvollste Massnahme ist. Der GEAK (Gebäude-Energieausweis der Kantone) bietet hierzu eine gute Methode.

Wärme, also die Heizung, gehört in jedes Haus. Welches ist, Ihrer Ansicht nach, das sinnvollste Heizsystem?

Nicht Heizung, sondern Komfort gehört in jedes Haus! Sommerlichen Wärmeschutz zähle ich genauso mit dazu wie winterlichen Kälteschutz. Ob es dafür ein Heizsystem benötigt, kommt auf das Gebäude und die Gebäudenutzung an.

Das sinnvollste Heizsystem erfüllt dieses Bedürfnis nach Komfort zu besten Kosten. Wärmepumpe, Holzpellets, Biogas, Erdsonden, Fernwärme, thermische Solaranlagen sind alles sinnvolle Systeme, da sie Wärme und Brauchwasser (Dusche) dekarbonisiert zur Verfügung stellen.

Mit den heutigen Heizsystemen stehen sich Komfort, Kosten und Umweltschutz nicht mehr im Widerspruch gegenüber.

Wärmepumpen gelten als sparsam und sind seit Jahren im Trend. Ein guter Kaufentscheid für den Hauseigentümer?

Ja, wobei andere – nicht fossile – Heizsysteme auch gute Kaufentscheidungen sind. Wir plädieren hier für Offenheit und nicht für Technologieverbote oder -bevorzugung. Die Schweizer KMU sind so innovativ, das es morgen schon ein noch besseres System geben kann.

Auch ist es wichtig, einen Blick über das Gebäude hinaus zu werfen. In einem Quartier ist eine Pelletheizung, eine Erdsonde, ein Nahwärmenetz oder wenn vorhanden ein Fernwärmenetz zu betrachten. Hier kann es für den Einfamilienhausbesitzer durchaus Vorteile bezüglich Kosten, Platzbedarf im Gebäude und Wartungsfreiheit geben, im Gegensatz zum Heizsystem im eigenen Gebäude.

Beim Ersatz von fossilen Heizungen mit der Wärmepumpe in schlecht isolierten Gebäuden gilt es allerdings darauf zu achten, dass der Ersatz des Heizsystems von flankierenden Massnahmen (Dämmung, Fensterersatz) begleitet wird. Der Ersatz des Heizsystems rechnet sich wirtschaftlich, bei den derzeitigen Elektrizitätspreisen, aber kaum für die Umwelt, da ein reiner Ersatz des Heizsystems nur sehr begrenzte Effizienzgewinne erzeugt.

Wärme produzieren ist das eine, Wärme im Raum halten das andere. Welchen Stellenwert hat eine optimale Dämmung?

Ohne Gebäudedämmung geht es nicht. Hierbei spart der erste Zentimeter am meisten und jeder weitere Zentimeter wesentlich weniger als der vorherige. Die sinnvolle Dämmstärke ist abhängig vom Gesamtsystem aus Gebäudehülle, Gebäudetechnik, Produktion und Speicher.

Bei Sanierungen kommen noch weitere Randbedingungen, wie zum Beispiel vorhandener Platzbedarf, hinzu. Die Dämmung muss wie schon erwähnt immer im Gesamtkontext gesehen werden.

Die Palette möglicher Wärmedämmstoffe ist sehr breit. Innovationen bei den klassischen Wärmedämmstoffen und speziell bei Hochleistungswärmedämmstoffen (HLWD) wie Aerogel oder Vakuumisolationspanels ermöglichen heute U-Werte, die unter denen von Luft liegen.

Hier sieht man die Innovationskraft der Schweizer KMU, denn dieses war für Dämmexperten vor ein paar Jahren noch undenkbar. Weitere Innovationen passieren täglich, mikroporöse Schäume erreichen neuerdings U-Werte im Bereich der HLWD und neue Materialien wie Wolle, Stroh, Lehm oder Flachs etablieren sich am Markt.

Ein Neubau lässt sich nach den neusten Energiekonzepten gestalten. Beim Bauen im Bestand, einer Renovation, ist das schon schwieriger, oder?

Schwieriger ist es nur auf den ersten Blick. Die Innovationen der letzten Jahre machen heute vieles möglich. Auch sind die gesetzlichen Anforderungen bei Sanierungen nicht so hoch wie beim Neubau. Bauteilsanierung ist hier ein Zauberwort.

Viele Kantone fördern nicht nur Gesamtkonzepte wie Minergie, sondern gerade bei Sanierungen auch einzelne Bauteile wie beispielsweise den Ersatz von Ölheizungen. Bei Sanierungen kann mit wenigen Massnahmen sehr viel erreicht werden. Dies gilt für den CO2-Ausstoss genauso wie für den Komfort. Sehr gut umgesetzte Sanierungsbeispiele finden sich unter deklariert.ch Plusenergie-Gebäude.

Oft haben auch Heimatschutz und Denkmalpflege zu Sanierungsprojekten ihre Vorbehalte. Wie begegnet ein Architekt oder der private Bauherr diesen Einwänden?

Das ist eine schwierige Frage. In der Tat erleben wir es, dass Bauherren und Architekten vor dieser Herausforderung stehen. Hinzu kommen teilweise noch die Strassenbauämter bei Gebäuden, die direkt an einen Fussgängerweg grenzen. Wir geben den Bauherren und Architekten den Hinweis, das gemeinsame Gespräch mit allen Parteien in einem gemeinsamen Termin zu suchen. Dieses Vorgehen hat sich als am effizientesten erwiesen, da man sonst oftmals im Kreis läuft. Ein weiteres bewährtes Mittel ist die Verwendung von innovativen Materialien. Hochleistungswärmedämmstoffe ermöglichen eine hohe Dämmwirkung, ohne die bestehende Architektur oder das Erscheinungsbild zu verändern. Durch die Entfernung des bestehenden Aussenputzes und den Ersatz mit einem Hochleistungswärmedämmputz können vielleicht nicht die U-Werte von 0,25 erreicht werden, sondern bei drei Zentimeter Putzstärke 0,5. Dies ist immerhin eine Halbierung des U-Wertes gegenüber dem heutigen von eins. Dies ist möglich, kann aber oftmals nicht gefördert werden seitens der Kantone, da es unterhalb des Förderwertes liegt. Dies führt nicht selten dazu, dass der Putz einfach ersetzt wird und dieses Gebäude für die kommenden 40 Jahre energetisch verloren ist. Hier gibt es noch keine gesamtheitliche Lösung. Wir plädieren für eine Hochleistungswärmedämmung in Kombination mit intelligenter Haustechnik. Damit lässt sich sehr viel erreichen. Die Gleichstellung von Energiemassnahmen mit dem Heimat- und Denkmalschutz durch die Annahme des Energiegesetzes hilft hier sehr bei der Diskussion um mögliche Lösungen.

In welche Richtung entwickelt sich die Gebäudetechnik?

Vernetzung, Internet der Dinge und Digitalisierung. Das sind die drei Hauptthemen. Vernetzung passiert bei der Gebäudetechnik in zwei Richtungen, Vernetzung der Geräte innerhalb des Gebäudes und Vernetzung des Gebäudes mit seiner Umwelt. Die Vernetzung nimmt ausserdem zu, da immer mehr Geräte und Sensoren intelligent/kommunikationsfähig werden (Internet der Dinge [IoT]). Die Vernetzung und IoT erzeugen viele Daten (Digitalisierung), die zu neuen Anwendungen, Geschäftsmodellen und Lösungen führen. Hier kann man sich auf viele Innovationen in den kommenden Jahren freuen.

Gibt es das energieautarke Gebäude schon?

Ja, das gibt es. Energieautarke Gebäude gibt es schon, solange es Gebäude gibt. Was Sie aber – glaube ich – meinen, ist, ob es Gebäude gibt, die allen Komfort bieten und gleichzeitig energieautark sind.

Energieautark ist das Plusenergie-Gebäude auf die Spitze getrieben. Brütten ist das erste dieser Gebäude, welches ja breit in der Presse zu lesen war. Dieses ist vom Bau- und Umweltpionier Walter Schmid errichtet worden.

Hier zeigt sich, was die Innovationen der letzten Jahre möglich machen. Brütten ist Energieautarkie in einem Mehrfamilienhaus mit hohen Ansprüchen an Architektur und Komfort. Zum Beispiel die PV-Fassade – sie besteht aus mit Sandstrahl behandelten Elementen. Somit ist hier nicht erkennbar, dass die Fassade Energie produziert, und durch die Sandstrahlung nimmt die erzeugte Leistung nur sehr geringförmig ab.

Die Gebäudetechnik erlaubte es, Energieautarkie bis auf wenige Heiztage mit nur zehn Prozent Mehrkosten zum konventionellen Bauen zu erreichen. Die Lücke von rechnerisch 14 Heiztagen wurde dann durch eine Power-to-Gas-Anlage gelöst.

Diese hat sehr hohe Investitionskosten, da es sich um eine Pilotanlage handelt. Für seine neuen Projekte hat Walter Schmid aber schon neue, kostengünstigere, Lösungen gefunden. Energieautarkie zeigt die Spitze der technologischen Machbarkeit.

Ob diese ökonomisch gesamtschweizerisch Sinn ergibt, ist zu diskutieren, da energieautarke Gebäude zu einer Entsolidarisierung und Abschreibung des Niederspannungsnetzes führen. Dieses Netz wird derzeit mit einem Wert von circa 30 Milliarden Franken geschätzt.

*Dr. Frank Kalvelage ist Geschäftsleiter von energie-cluster.ch.