«Die Evolution ist noch lange nicht abgeschlossen, denn die grünste Energie ist immer noch die, die man einspart!»
Jonas Fluri
Head of Portfolio & Partnering, Sustainability and Energy Management, Siemens Building Technologies

Der Begriff «Nachhaltigkeit» wird heute umfassender definiert als dies vor einigen Jahren noch der Fall war und geht klar über Treibhausgasemissionen hinaus. Das Thema ist inzwischen auf dem Radar der gesamten Industrie- und Dienstleistungswirtschaft. Heute reicht es für ein Unternehmen nicht mehr, nur die eigenen Emissionen zu kennen. Bezüglich Energie und Treibhausgas werden heute von den Unternehmen und Städten umfangreiche Transparenz und klare Aktionspläne verlangt.

 

Herr Fluri, welches sind die heutigen Herausforderungen hinsichtlich Nachhaltigkeit?
Unternehmen müssen heute bei der Berechnung der Emissionen die gesamte Wertschöpfungskette betrachten – vom Einkauf von Rohstoffen oder Zwischenfabrikaten über den Veredlungsprozess und die Verteilung bis hin zur Nutzung und Wiederverwertung. Wir betrachten also längst nicht mehr nur einzelne Unternehmen und ihren Ausstoss, sondern die Emissionen eines Produkts oder einer Leistung, sozusagen «von der Wiege bis zur Bahre». Die Berechnung des sogenannten «ökologischen Fussabdrucks» kann vor allem für weltweit tätige Unternehmen eine Knacknuss sein. Die Fülle lokaler Gesetzgebungen, geografischer Besonderheiten und die Vielzahl von Märkten, Ländern, Lieferanten und Unterlieferanten erschweren dabei eine durchgängige Berechnung der Treibhausgasemissionen. Es gilt systematisch auf Basis einer unternehmensweiten Strategie herauszuarbeiten, welche Massnahmen den grössten Einfluss auf den Ausstoss klimafeindlicher Treibhausgase haben – und welche für das Unternehmen bezahlbar sind. Um die richtigen Entscheidungsgrundlagen zu erarbeiten, sind viel Wissen und Erfahrung gefordert, nicht nur im technischen Bereich, sondern auch bei kommerziellen Themen und hinsichtlich der Gesetzgebung im Infrastruktur- und Energiemarkt. Bedingt durch diese Komplexität sind die nötigen Fachkenntnisse im Energie- und Nachhaltigkeitsmanagement nicht in allen Unternehmen vorhanden, weshalb viele von ihnen auf einen starken Partner angewiesen sind. In dieser Kombination können dann mit Hilfe von Experten und systematischem Vorgehen die wirkungsvollsten Verbesserungsinitiativen identifiziert und umgesetzt werden. Städte haben übrigens ähnliche Herausforderungen. Die EU hat sich zum Ziel gesetzt, den CO2-Ausstoss bis 2020 um 20 Prozent zu reduzieren. Obwohl Städte nur ein Prozent der Weltoberfläche bedecken, konsumieren sie 75 Prozent der globalen Energie, 60 Prozent des Wassers und verursachen 80 Prozent der Treibhausgasemissionen. Der Kampf gegen den Klimawandel wird also in den Städten geführt. Städte wie Zürich, Berlin und Wien erfassen bereits systematisch ihre CO2-Emissionen und setzen kontinuierlich Aktionspläne um.
 

 

Was bedeutet Energie- und Nachhaltigkeitsmanagement konkret?
Es bedeutet, dass ein Unternehmen oder eine Stadt den Energieverbrauch und die Energieversorgung aktiv überwacht, den künftigen Bedarf plant und mögliche Energieeffizienzpotenziale identifiziert und auch realisiert. Ziel dabei ist es, die Treibhausgasemissionen laufend zu senken. Kommen wir nochmals auf die Städte zurück: Sie bestehen im Wesentlichen aus Gebäuden und Verkehrsinfrastruktur. Allein die Gebäude verbrauchen weltweit 40 Prozent der gesamten Energie und stossen über 20 Prozent der CO2-Emissionen aus. Hierbei stellen die in Gebäuden eingebrachten, technischen Systeme einen wichtigen Hebel dar, um Energie einzusparen und Emissionen deutlich zu verringern. Je nach Verwendungszweck und Lage von Gebäuden lassen sich allein durch Energieeffizienzmassnahmen bei der Heizungs-, Lüftungs- und Klimaregelung bis zu 30 Prozent Energie einsparen.
 

 

Was müssen Unternehmen tun, um das Potenzial von Energie- und Nachhaltig- keitsmanagement voll ausschöpfen zu können?
Der Weg hin zu höherer Energieeffizienz und Nachhaltigkeit führt über drei Schritte: In einem ersten muss Transparenz hergestellt werden. Es gibt einen fest umrissenen Satz an Messgrössen, die erfasst werden müssen, damit sinnvolle Kenngrössen zur Verfügung stehen. Je nach Anzahl Gebäude und geografischer Ausbreitung des Unternehmens ist es sinnvoll, eine geeignete Software einzusetzen, die das Sammeln der Daten unterstützt und die Qualität der erfassten Daten sicherstellt. In einem zweiten Schritt geht es darum, Bewusstsein zu schaffen. Aus den erhobenen Daten, den Zukunftsaussichten und technischen Möglichkeiten sind erst einmal realisierbare Ziele zu definieren. Diese Ziele müssen dann durch Umsetzungsinitiativen und Massnahmen abgedeckt werden, die die Erwartungen für die Einsparungen erfüllen, technisch umsetzbar und auch finanzierbar sind. Daraus entsteht ein Umsetzungsplan, der oft eine Laufzeit von mehreren Jahren hat. Der dritte Schritt ist die Umsetzung des Plans. Dabei können die Umsetzungsinitiativen ganz verschiedenartig gelagert sein. Die Unternehmen ändern beispielsweise den Produktionsprozesses, wechseln schrittweise die eigene Fahrzeugflotte aus, errichten neue, effizientere Produktionsstätten und setzen Effizienzmassnahmen in den bestehenden Gebäuden um. Wichtig ist, dass diese Schritte nicht einmalig, sondern kontinuierlich durchgeführt werden. Unternehmen, die dies tun, betrachten das Thema Energie und Nachhaltigkeit nicht als Projekt, sondern als Prozess. Energieeffizienz und Treibhausgasemissionen können immer weiter verbessert werden, ähnlich wie die Qualität von Produkten und Dienstleistungen. Ein wichtiges Instrument zur Energieeffizienz stellt das Energiemanagementsystem nach ISO 50001 dar. Dabei handelt es sich um einen Prozess, der alle Verantwortlichen eines Unternehmens einbezieht und kontinuierlich nach Verbesserungsvorschlägen sucht und deren systematische Umsetzung überwacht und dokumentiert. In Deutschland wird beispielsweise die Einführung eines Energiemanagementsystems mit Steuererleichterungen belohnt. Aber auch ausserhalb Deutschlands wächst die Bedeutung dieses noch relativen jungen ISO-Standards.
 

 

Welche Trends sehen Sie?
Kennzahlen zu Emissionen und Energieeffizienz sind heute Teil des Unternehmens-Reporting. Dabei spielt Software für das Sammeln und Auswerten der Daten – aber auch für die Verfolgung der Umsetzungsmassnahmen – eine immer wichtigere Rolle. Unternehmen erkennen zunehmend, dass sie mit Energieeffizienz- und Nachhaltigkeitsmassnahmen nicht nur nachhaltiger handeln, sondern auch den Unternehmenswert steigern können. Studien in den USA und Europa im Immobiliensektor zeigen, dass für energieeffiziente, nachhaltig betriebene Gebäude sechs Prozent höhere Mieten und 16 Prozent höhere Verkaufspreise erzielt werden können. Wir beobachten auch eine Zentralisierung der Verantwortlichkeiten bezüglich Energie in Unternehmen. Energieeinkauf, -produktion und -effizienz werden in einer Abteilung zusammengefasst und stellen das Kompetenzzentrum für Energie innerhalb einer Unternehmung dar.
 

 

Ihr Fazit?
Das Energie- und Nachhaltigkeitsmanagement hat in den letzten Jahren eine deutliche Entwicklung vollzogen und ist heute aus Unternehmen und Städten nicht mehr wegzudenken. Während Energieproduktion und -einkauf am Markt bisher ausschliesslich Elektrizitätswerken vorbehalten war, führt die Öffnung des Strommarkts zu völlig neuen Möglichkeiten hinsichtlich Energieeinkauf und -verkauf eigener erneuerbarer Energie ins Netz. Bezüglich Nachhaltigkeit kommt Gebäuden eine zentrale Rolle zu, denn sie stellen für Unternehmen und Städte einen Grossteil der Infrastruktur dar und sind energieintensiv. Die Einsparpotenziale in Gebäuden sind noch längst nicht ausgeschöpft. Das Energie- und Nachhaltigkeitsmanagement befindet sich damit sozusagen im Zentrum des Geschehens eines sich stark verändernden Energiemarkts einerseits und noch unausgeschöpften Möglichkeiten hinsichtlich Energieeffizienz und Nachhaltigkeit andererseits. Die Evolution ist noch lange nicht abgeschlossen, denn die grünste Energie ist immer noch die, die man einspart!