Rudolf Rechsteiner
War von 1995 bis 2010 Nationalrat. Heute führt er ein Beratungsbüro, doziert an der ETH Zürich und den Universitäten Basel und Bern, ist Verwaltungsrat der Industriellen Werke Basel und Autor des Buches «100 Prozent erneuerbar».

Welche Meilensteine beobachten Sie bei den erneuerbaren Energien?
Die Entwicklung der Photovoltaik ist atemberaubend. In weiten Teilen Europas liegen die Erzeugungskosten nun unter dem Endverbrauchertarif. Solarstrom vom Dach ist, wenn er direkt verbraucht wird, billiger als die Bezugskosten vom Netz. In allen Versorgungsgebieten, wo der Stromzähler rückwärts laufen darf, sind Solarstromeinspeisungen nun ohne Subvention wirtschaftlich.
 
Erneuerbare Energien müssen also vor allem wirtschaftlich rentabel sein?

Natürlich. Die Rendite bestimmt die Geschwindigkeit des Umstiegs. Auf grossen Dächern wird die Zahl der Solaranlagen explosiv zunehmen, sobald Rechtssicherheit für den Eigenverbrauch besteht.

Was halten Sie von den neuen, superdünnen Zellen der EMPA?
Bisher hat die Massenproduktion die Zellen verbilligt, weniger die Innovation. Die ­EMPA-Erfindung zeigt, dass in Zukunft noch grosse Materialeinsparungen möglich sind, bei steigendem Wirkungsgrad. Für die Schweiz entscheidender ist, dass die Installationskosten weiter sinken. Dazu brauchen wir ein grösseres Marktvolumen und ein Ende der Zubau-Deckelung, welche die Preise künstlich hoch hält.

Kommt es dann nicht zu Stromüberschüssen?
In Deutschland werden Sonne und Wind zu gewissen Tageszeiten mehr Strom liefern als verbraucht wird. Dort ist Speicherung ein Topthema – und es entstehen neue Geschäftsmodelle: Stromüberschüsse, billiger als Öl oder Erdgas, speisen Elektrofahrzeuge, Heimbatterien und Wärmespeicher, die über Nahwärmenetze Öl- oder Gasheizungen günstig ersetzen. Die Schweiz tickt hier aber anders. Wir haben kein Speicherproblem. Die Stromproduktion aus den Stauseen wird sich vom Tag in den Abend verschieben. So kann der neue Solarstrom direkt verbraucht werden, ohne neue Speicher oder Umwandlungsverluste.

Wie können Windkraftprojekte Mehrheiten finden?
Die Akzeptanz wächst überall, wo die Anwohner in die Projekte einbezogen sind und über Pachten, Beteiligungen oder über einen Windzins – analog dem Wasserzins – angemessen profitieren. Und natürlich muss man die Menschen aufklären: Kohle, Gas und Öl verändern unsere Landschaften über die Klimaerwärmung viel extremer als die paar Windfarmen. Die Schweiz verliert alle Gletscher – Wahnsinn. Und die Erfahrung zeigt: Wo Windfarmen stehen, ist die Akzeptanz sehr hoch – so hoch, dass dieselben Gemeinden fast durchwegs weitere Windanlagen planen.

Welche Technologien fehlen uns noch zur Erfüllung der Energiestrategie 2050?
Alles ist da. Aber wir sollten zuerst bis 2020 denken. Bis dann sind die drei alten Atomreaktoren Mühleberg und Beznau I und II hoffentlich vom Netz. Die Projekte auf die Warteliste für Einspeisevergütungen könnten die drei AKWs bereits ersetzen. Der Bund muss dafür die Vergütungen deblockieren – Stichwort Deckel weg – und weiter absenken, die Projekte auf der Warteliste für Einspeisevergütungen könnten diese drei AKWs bereits ersetzen.
Das bringt mehr Anlagen für weniger Geld. In Deutschland erhält Solarstrom noch 13 bis 20 Rappen pro Kilowattstunde. Bei uns haben wir mehr Sonnenschein. Alle Einspeisevergütungen über 20 Rappen/kWh sollte man deshalb kritisch prüfen und dabei die Lebensdauer der Anlagen berücksichtigen. Ist eine Solar- oder Windanlage abgeschrieben, produziert sie Strom für ein bis zwei Rappen. Statt: Solche Solaranlagen senken die Strompreise genauso wie heute die alten Wasserkraftwerke und dies ohne Emissionen, Abfälle oder Katastrophenrisiken., Solche alten Anlagen senken die Strompreise, genauso wie die alten Wasserkraftwerke, und dies ohne Emissionen, Abfälle oder Katastrophenrisiken.

Also wurden die politischen Hausaufgaben noch nicht gemacht?
Die Economiesuisse blockiert. In ihrer neuen Studie wurden Technik und Preise auf dem Stand im Jahr 2000 eingefroren – Stillstand als Programm. Dabei haben sich die Ölpreise in dieser Zeit, seither verfünffacht und Solarstromanlagen sind etwa fünfmal billiger geworden. Sauberer Strom kann teure Ölheizungen ersetzen, dank Wärmepumpen und wetter-geführten Wärmespeichern. Wer hier blockiert, handelt unwirtschaftlich.

Was nützen unsere Anstrengungen, wenn China und die USA nichts tun?
Die USA sind tatsächlich blockiert. Aber China wird dieses Jahr erstmals Weltmeister in den Solarstrom-Installationen. In der Windkraft ist es das schon. China möchte die Energieimporte niedrig halten. Weil Kohle und Gas teurer geworden sind, ist eine Hinwendung zur erneuerbaren Energie zu erwarten – und dies nicht nur beim Strom. Auch Elektroautos werden sich durchsetzen, die Batteriepreise sinken.
 
Werden wir die Energiewende schaffen?
Das Volk wird neuen Atomkraftwerken niemals zustimmen. Die Energiewende kommt so oder so, es gibt keine Alternative.