Die Schweizer Baubranche steht als letzte grosse Branche vor einem grossen Digitalisierungsschub. Warum erst jetzt?

Jochen Dietmeier: In der Schweiz verfolgt man einen liberalen Ansatz, bei dem sich solche Entwicklungen aus dem Markt heraus ergeben sollen.In England etwa hat die öffentliche Hand zum Beispiel entschieden, Projektrealisierungen stets mithilfe von Building Information Modeling (BIM) durchzuführen. Das hat die Digitalisierung stark beschleunigt.

Mit welchem Resultat?

Seit der Anpassung im Jahr 2012 konnte in England ein Projektvolumen von 1,7 Milliarden Pfund eingespart werden. Das ist nicht überraschend, denn durch BIM und die entsprechende Software wird eine interdisziplinäre und vernetzte Arbeitsweise sichergestellt, welche den Planungs- und Bauprozess mithilfe dreidimensionaler Datenmodelle visualisiert und für alle Kooperationspartner transparent macht. Die Fehlerbehebung wird

dadurch in die Planungsphase verlagert. So können die Kosten gesenkt werden. Die Terminplanung ist zudem akkurater und dank stetiger Kontrollen findet eine messbare Qualitätssteigerung statt.

In der Schweiz sind meist zahlreiche, auch sehr kleine Unternehmen in Bauprojekte involviert. Inwiefern erschwert dies eine gemeinsame Planung mit BIM?

Die Unterscheidung zwischen grossen und kleinen Unternehmen liegt zwar nahe, ist aber nicht massgebend. Die Erfahrung zeigt, dass auch kleinere Unternehmen BIM durchaus erfolgreich anwenden können. Für eine erfolgreiche Projektabwicklung mit der Methode BIM ist es wichtig, Informationsbrüche zu vermeiden.

Inwiefern ist das problematisch?

Wird ein Bauprojekt mit BIM durchgeführt, leiten die Fachverantwortlichen der Bereiche Architektur, Elektro, Mechanik und Bauingenieurwesen ihre Modelle an den BIM-Koordinator weiter. Nachdem dieser die Modelle zusammengefügt hat, wird beispielsweise mit dem Modellchecker Solibri überprüft, welche Angaben sich widersprechen und zu Kollisionen führen. Anschliessend treffen sich die verschiedenen Akteure, um die erkannten Kollisionen zu besprechen und zu korrigieren. Die aktualisierten Modelle werden dann wieder an den BIM-Koordinator zurückgereicht und der ganze Ablauf beginnt von vorn. Während dieses Prozesses wird das System mit zahlreichen Informationen zu den verschiedenen Objekten versorgt, die während der Planung helfen, Fehler frühzeitig zu erkennen.

BIM erfordert neben einer enormen Fleissarbeit für die Erstellung der Daten auch ein aufwendiges Datenmanagement. Lohnt sich dieser Mehraufwand?

Fallstudien aus dem Ausland belegen, dass die Einsparungen im Produktionsablauf die Mehrkosten für die Datenerfassung klar rechtfertigen. Von der Strategie, dass ein Gebäude zuerst virtuell stehen muss, bevor es auf die Baustelle geht, ist die BAM-Gruppe absolut überzeugt.

Das Handling grosser Datenmengen erfordert auch zahlreiche neue Fähigkeiten der Mitarbeiter.

Wenn man über die Entwicklung von BIM spricht, ist das Know-how der Mitarbeiter absolut zentral. Der BIM-Koordinator muss ein Spezialist sein, im besten Fall über Programmierkenntnisse verfügen. Die Anwendung auf der Baustelle ist dank der sehr nutzerfreundlichen Apps der Autodesk- BIM-360-Umgebung weitgehend selbsterklärend.

Inwiefern ist Autodesk BIM 360 auf dem Bau selbst hilfreich?

Dank des dreidimensionalen Modells mit attributierten Bauteilen sowie den hinterlegten Plänen kann man jederzeit auf sämtliche Informationen und Daten zugreifen. Dies hilft dabei, Fragen und Unklarheiten, die sich auf der Baustelle ergeben, unmittelbar vor Ort zu klären. Auch die Kommunikation zwischen Bauleiter und Monteur wird stark vereinfacht, weil sämtliche Daten von allen Gewerken vorliegen. Das ist nicht nur sehr effizient, sondern vor allem auch eine massive Qualitätssteigerung und fördert die Zusammenarbeit unter den Beteiligten.