Nachhaltiges Bauen ist zurzeit in aller Munde. Alles und jeder soll und will nachhaltig bauen und erneuern. Beim näheren Hinsehen wird jedoch schnell klar: Nicht alle Akteure verstehen unter Nachhaltig dasselbe. Kein Wunder also, konkurrenzieren sich diverse Baustandards und Labels. Dabei definiert jedes Label die Nachhaltigkeit wieder auf seine eigene Art und Weise. Wie viel Nachhaltigkeit letztendlich drin ist, wenn nachhaltig drauf steht, muss jeder für sich selber herausfinden. Im Baubereich droht, was bei den Lebensmitteln bereits der Fall ist. Vor lauter Bio-Label sieht der Konsument beinahe das Gemüse nicht mehr. Das soll nicht heissen, dass Bio-Gemüse schlecht ist. Gleichwohl muss ich als Konsument jedoch genau hinschauen, was im Einkaufskorb landet.

Unter Nachhaltigkeit verstehen viele Laien wie auch Fachleute zuerst einmal ökologische Aspekte. Was nicht verwunderlich ist, denn diese Themen sind auf der politischen Tagesordnung allgegenwärtig. Seit den Bemühungen gegen das Waldsterben, den Aktionen für eine sauberere Luft und heute gegen die Klimaerwärmung steht das Thema Umwelt an erster Stelle. Dabei wird ausser Acht gelassen, dass bei einer nachhaltigen Betrachtungsweise auch die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Kriterien einbezogen werden müssen, damit wirklich eine umfassende Aussage gemacht werden kann.

 

«Nachhaltigkeit lebt dann, wenn jeder über seinen Tellerrand hinausschaut und weitere Aspekte mitberücksichtigt.»


Insbesondere die wirtschaftlichen Aspekte werden oft mit der Begründung abgespeist, dass Investoren ohnehin wüssten, was rentiert und was nicht. Dabei wird ausgeblendet, dass die Mehrheit der Mietwohnungen in der Schweiz privaten Eigentümern gehört. Diese Immobilienbesitzer sind in der Regel keine Bauprofis und entsprechend auf eine seriöse Beratung und ein aussagekräftiges Label angewiesen.
 

Markt und Region

Wirtschaftliche Aspekte lassen sich zwar über die Rendite viel genauer messen, als dies bei gesellschaftlichen Parametern möglich ist. Die Rendite ist letztendlich aber nur ein Indikator zu gut gefällten Entscheidungen im Vorfeld. Bereits bei der Planung einer Liegenschaft sind mögliche Entwicklungen von Markt und Region zu berücksichtigen, um später die Liegenschaft einfach an neuen Rahmenbedingungen ausrichten zu können. Konstruktionen und Baumaterial müssen so aufeinander abgestimmt sein, dass sich Elemente mit kürzerer Lebensdauer einfach und kostengünstig ersetzen lassen. Nicht zu vernachlässigen ist auch der Unterhalt. Was beim professionellen Facility Management bereits Standard ist, muss auch beim einfachen Wohnbau berücksichtigt werden. Nicht selten treten hier Interessenskonflikte zwischen Ersteller und Betreiber auf, welche es ebenfalls hinsichtlich nachhaltiger Kriterien zu lösen gilt.
Bei Gebäudeerneuerungen ist eines der Hauptkriterien, dass noch intakte Bauteile nur dann erneuert werden, wenn dies auch ökonomisch Sinn macht. Insbesondere bei der Fassade stellt sich oft die Frage, ob die bestehende Putzschicht bereits ersetzt werden muss und eine neue Aussenwärmedämmung rentabel ist.
 

Energiestrategie 2050

Nebst der Ausdehnung der Nachhaltigkeitsbetrachtung auf die weiteren Aspekte, sollte dieser Begriff auch über den Gebäudesektor hinaus erweitert werden. Denn auch in der Politik wird Nachhaltigkeit relativ eng ausgelegt. So liegt der Hauptfokus der Energiestrategie 2050 auf dem privaten Gebäudebereich. Die Bezüger der restlichen zwei Drittel des Gesamtenergieverbrauchs in der Schweiz, die Mobilität sowie der Industrie- und Dienstleistungssektor, dürfen mit grosszügigen Ausnahmeregelungen rechnen.

Aus dem Blickwinkel der Gesamtgesellschaft sowie aus der Sicht jedes Einzelnen hat Nachhaltigkeit mit einer Verantwortung gegenüber den zukünftigen Generationen zu tun. In beiden Fällen geht es um die Frage: Ist das, was wir unseren Nachkommen hinterlassen, gesellschaftsverträglich, mit dem Umweltschutz vereinbar und können es die nächsten Generationen auch noch bezahlen?