Um beantworten zu können, ob nachhaltige Immobilien mehr wert sind oder ob sie einfach mehr kosten, drängt sich die Frage auf, was unter dem Begriff nachhaltiges Bauen verstanden wird. Bei einem Gebäude heisst Nachhaltigkeit zunächst einmal, dass es heute und in Zukunft einen direkten Nutzen (als Betriebsstätte) schaffen oder Mieterträge generieren muss. Dieser Nutzen beziehungsweise diese Erträge müssen die Kosten über den ganzen Lebenszyklus decken sowie eine angemessene Verzinsung des eingesetzten Kapitals ermöglichen. Zur Nachhaltigkeit eines Gebäudes gehört auch, dass natürliche Ressourcen (Energie, Wasser usw.) geschont und die Umwelt möglichst nicht belastet wird. Nachhaltige Gebäude tragen zudem zum Wohlbefinden der Nutzer bei und unterstützen das Zusammenleben der Menschen. Aus einer technischen Optik wird die Nachhaltigkeit von Bauten anhand von Standards oder. Labels geprüft. MINERGIE ist heute ein solcher Standard beziehungsweise ein sehr bekanntes Label, das Gebäude im Markt als energieeffizient und mit hohem Wohn- und Arbeitskomfort kennzeichnet.
Aus ökonomischer Sicht geht es bei einer Prüfung der Nachhaltigkeit um den Wert der Gebäude. Dieser wird im Rahmen von Liegenschaftsbewertungen ermittelt, die Nachhaltigkeitsmerkmale umfassen oder durch solche ergänzt werden (zum Beispiel mit dem Economic Sustainability Indicator (ESI) des CCRS). Wertermittlungs-Gutachten schätzen mit Hilfe von Standortmerkmalen (Lage), Grundstückseigenschaften, Gebäudemerkmalen (u. a. Bauweise, Ausstattung, funktionale und technische Qualität) sowie aufgrund einer Beurteilung des Marktumfelds einen Wert, der unter normalen Umständen auf dem Markt realisierbar erscheint.

Nachhaltigkeitseigenschaften von Gebäuden wirken sich in Bezug auf ihren Wert positiv aus. Nehmen wir als Beispiel die Energieeffizienz: Ein Gebäude mit schlechter Wärmedämmung verbraucht mehr Energie als ein gut wärmegedämmtes Gebäude. Wenn das Gebäude zudem mit fossilen Energieträgern geheizt wird und wir annehmen, dass diese knapper werden und die Preise steigen, verursacht das Gebäude künftig höhere Heizkosten. Das verteuert die (Brutto-)Miete. Da teurere Wohnungen schlechter zu vermieten sind als günstigere, erzielt das Gebäude einen niedrigeren Verkaufswert als ein energieeffizienteres Vergleichsobjekt. Als weniger nachhaltiges Gebäude ist es also weniger wert. Die Frage, wer profitieren kann, lässt sich wie folgt beantworten: In erster Linie profitieren vorausschauende Investoren, wenn Nachhaltigkeitsmerkmale verstärkt in die Liegenschaftsbewertung einbezogen werden. Sie haben erkannt, dass herkömmliche Schätzungen, die hauptsächlich auf vergangenheits- oder gegenwartsbezogenen Informationen – über erzielte Erträge, Zinssätze für Fremdkapital, Energiepreise usw. – zurückgreifen, bei ihren Investitionsentscheiden nicht weiterhelfen. Steigende Energiepreise, Klimawandel, veränderte Nutzerbedürfnisse usw. erhöhen die Nachfrage nach funktionalen, langlebigen, energiesparenden, Ressourcen schonenden, gesundheitsgerechten und gestalterisch hochwertigen Immobilien («green buildings» oder. «nachhaltige Gebäude»). Liegenschaften mit solchen Eigenschaften erzielen dann höhere Preise, sind also mehr wert. Dies wurde bei Minergie-Bauten empirisch nachgewiesen und wird in Zukunft noch verstärkt festzustellen sein. Letztlich profitieren davon vor allem die Menschen, die in nachhaltigen Gebäuden leben und arbeiten.