In dieser Überbauung wird der Schwerpunkt auf die Art des Lebens und insbesondere die Art des Zusammenlebens gelegt. Die Autoren des Projekts sind deshalb keineswegs weltfremde Esoteriker. Doch sie lassen eine neue Pragmatik, eine neue Gelassenheit erkennen, die dem Anliegen des nachhaltigen Bauens eigentlich nur förderlich sein kann.
Was will ein Mensch, der sich im Neugrüen wohlfühlen wird? Die Website der Überbauung weiss es: Er will nachhaltig wohnen, aber nicht auf Komfort verzichten. Er will zentral wohnen und im Grünen entspannen. Er will draus­sen Leute treffen und drinnen Ruhe geniessen ... mit anderen Worten: Er will das eine tun, aber das andere nicht lassen. Und ja, er ist wahrscheinlich ein bisschen so wie du und ich.

Werbebotschaften mögen platt, überdreht oder kitschig sein, meistens verkünden sie dennoch eine tiefere Wahrheit – oder zwei. In diesem Fall bringen sie Gegensätze zusammen und verkünden so, dass sich Stadt, Agglomeration und Land überall annähern. Und dass eine nachhaltige Bauweise nicht sektiererischen Asketinnen und Fanatikern vorbehalten ist, sondern auch Otto Normalverbraucher eine gemütliche, zeitgemässe Wohnstätte bieten kann. Neugrüen, welches die Bevölkerung des Städtchens Mellingen von gegenwärtig 4650 auf rund 5300 Personen anschwellen lassen möchte, hat den Anspruch, Gegensätze zu vereinen und die Basis zu einer schöneren, in energetischer Hinsicht vernünftigeren Zukunft zu legen. Für die Bauherrin Credit Suisse Anlagestiftung Real Estate Switzerland, die Totalunternehmerin Implenia und den Architekten Prof. Dietrich Schwarz naht die Stunde der Wahrheit: Die 198 Mietwohneinheiten und 2600 m² Gewerbe-/Dienstleistungsflächen werden Mitte 2014 bereit zum Bezug sein. Bis es soweit ist, lässt sich in einem Musterhaus das Neugrüen-Lebensgefühl erahnen.

Über das einzelne Haus hinaus
Der Grund, weshalb das Projekt schnell grosse Aufmerksamkeit weckte, liegt vielleicht weniger in der Tatsache, dass die Zertifizierungen nach Minergie-P-ECO und Minergie-A-ECO sowie das Gütesiegel greenproperty Gold angestrebt werden, sondern darin, dass der Nachhaltigkeitsgedanke nicht bei der Gebäudehülle der individuellen Siedlungseinheit haltmacht, sondern mit dem ganzen Ort eng verwoben ist.
Mellingen ist ein historisches Städtchen an der Reuss, es liegt zwischen Bremgarten und Brugg im aargauischen Freiamt, nur eine kurze Strecke von den nächsten Autobahneinfahrten entfernt. Neugrüen befindet sich direkt an der südwestlichen Gemeindegrenze, an der Lenzburgerstrasse. Das Ortsbild erfährt durch die neue Siedlung eine Konsolidierung. Neugrün schafft an der richtigen Stelle eine angemessene Dichte: Auf gut 31 000 Quadratmetern sind 130 Wohnungen in Etagenwohnbauten und 68 Reiheneinfamilienhäusern angeordnet. 34 Reihenhäuser bestehen generell aus verschränkten Doppelhäusern mit je einer 4,5- und einer 5,5-Zimmer-Hälfte in Split-Level-Technik.

Die verschiedenen, von Nordwest nach Südost orientierten Zeilenbauten und viergeschossigen Punkthäuser innerhalb des Areals werden ergänzt durch eine in vier Volumen gegliederte Randbebauung, die dem Verlauf der Lenzburgerstrasse folgt. Im Erdgeschoss, das als gemeinsamer Sockel zweigeschossige Aufbauten verbindet, sind die Gewerbe-/Dienstleistungsflächen untergebracht. Die verschiedenen Bautypen der Siedlung gliedern einen abwechslungsreichen Aussenraum. Er ist ein wichtiger Bestandteil der Neugrüen-Idee und zeugt von der Einsicht, dass sich wahre Nachhaltigkeit nicht auf das «Liefern» von technischen Lösungen beschränken darf, sondern auch auf die geistige Befindlichkeit und die Alltagsbedürfnisse der Menschen vernünftig eingehen muss.

Soziale Nachhaltigkeit
In den städtebaulichen Überlegungen zu ihrem kleinen Quartier sehen die Schöpfer von Neugrüen einen Meilenstein. Sie sprechen in diesem Zusammenhang von einer sozialen Nachhaltigkeit. Der Weg zu diesem Ziel führt über «Qualitäten einer dörflichen Struktur». Man setzte planerische Entscheide um, wie man sie sich bei neuen Wohnsiedlungen wenig gewohnt ist. Man hob die übliche Trennung der Verkehrsebenen auf: Anstatt unter den Wohnbauten eine grosse Gemeinschafts-Tiefgarage zu graben, versah man das Areal mit einem dichten Netz von Wegen, die teilweise auch befahrbar sind. Die parallel zur Lenzburgstrasse verlaufende Jurastrasse dient als Zubringerin und verteilt den motorisierten Individualverkehr. Stichstrassen erschliessen die einzelnen Gebäudezeilen und bedienen die abgeschlossenen Parkierflächen im Hofgeschoss der Zeilenbauten, das aufgrund der Split-Level-Strategie ein halbes Geschoss unterhalb des privaten Aussenraums liegt. Ein dichtes Netz von Wegen, privaten Gärten, Begegnungsflächen und Plätzen gliedert den Aussenraum der Siedlung und ermöglicht eine interessante Balance zwischen der Privatsphäre und  einem Gemeinschaftsraum, der sich ganz unterschiedlich nutzen und bespielen lässt, abgeschirmt vom Verkehrslärm von der strassenbegleitenden Randbebauung.

Zur sozialen Nachhaltigkeit zählt auch der angestrebte Nutzungsmix. Das strassenbegleitende Erdgeschoss mit den Laden- und Gewerbeflächen soll durchgehend publikumsorientierten Nutzungen offenstehen, die dem Lokalbedarf dienen, beispielsweise Lebensmittelverteilern, dem Kleingewerbe, Arztpraxen oder Gastronomiebetrieben. Man hofft auf eine gute Durchmischung der Generationen, die allen Beteiligten ein Plus an Lebensqualität ermöglicht. Einrichtungen gehen auf den besonderen Bedarf des Alterswohnens ein, es lassen sich im Neugrüen auch kleinere Wohnungen für junge und ältere Singles oder für Paare mieten. Diese angestrebte Vielseitigkeit steht im Einklang mit dem reduzierten Tempo, zu dem die Siedlung im gemeinschaftlichen Aussenraum anhält: Alle sollen in der  «Langsamverkehrssiedlung» an den Vorzügen der Entschleunigung teilhaben und die Chance erhalten, einen gemeinsamen Lebensrhythmus zu finden.

Fertigung und Fügung
Die Konstruktion der Bauten widerspiegelt die erklärten hehren Absichten, die mit dem Bau der Siedlung verfolgt werden. Sie entspricht einer Haltung, die man als emotionale Effizienz bezeichnen könnte. Rationelle Fertigungsmethoden und traditionelle Details treffen sich und geben der Siedlung ein Gepräge, das einen hohen Erinnerungswert verspricht.

Alle Gebäude sind in Holzbauweise erstellt. Die tragenden Decken bestehen aus Brettstapeln und entsprechen einer Holz-Beton-Verbundbauweise. Erdbebensicherheit und Fluchtwege werden von den aussteifenden, in Beton gefertigten Lift- und Treppenkernen garantiert. Die in einer Zimmerei vorfabrizierten Aussenwände fügte man vor Ort zusammen. Dies sorgte für den schnellen Baufortschritt und leistete einen wichtigen Beitrag an die Wirtschaftlichkeit von Neugrüen. Eigentliches Kennzeichen der Siedlung sind die grossformatigen Schindeln der Aussenschale. Sie sind mit einer Lasur behandelt, die Farbpigmente enthält. Damit möchte man eine künstliche Alterung erzeugen, eine Patina, die das Einbinden der Gebäude in die Umgebung beschleunigt.

Die Architekten kommen ins Schwärmen, wenn sie vom architektonischen Vokabular sprechen, das sie für ihre Siedlung entwickeln konnten und das ganz ihrem Verständnis von Nachhaltigkeit entspricht. Mit dem Rückgriff auf traditionelle Details liess sich eine Ornamentik erzeugen, die sich direkt aus der Konstruktion ergibt. Ein Beispiel dafür sind die leicht vorstehenden «Brauen» über den Fenstern, die durch eine stärkere Schrägstellung der entsprechenden Schindelreihe erzeugt wird. Einerseits dient diese Massnahme dem Witterungsschutz der Schiebeläden, sie tritt aber auch als plastisches Gestaltungs- und Gliederungselement in Erscheinung.

Nicht ohne Technik
Soziale Nachhaltigkeit und durchdachte Baudetails reichen nicht aus für das Erlangen der erwähnten Minergie-Zertifikate oder des greenproperty Gold-Gütesiegels. Die entsprechenden Standards bedingen auch im Neugrüen eine dichte, gut gedämmte Gebäudehülle und eine ausgewogene, Ressourcen sparende Haustechnik. Die Luftaufbereitung erfolgt über eine Komfortlüftung. Auf den 15 Hausdächern der Siedlung werden 1 800 Photovoltaikmodule platziert. Die Stromerzeugung ist so dimensioniert, dass die Siedlung für den energetischen Betrieb keine weitere Energie benötigt. Die Warmwasseraufbereitung erfolgt über Wärmepumpen, dem Brauchwasser entzieht eine Wärmerückgewinnungsanlage Energie und führt sie wieder dem Wohnraum zu. Das Konzept ist so überzeugend, dass der Verein Minergie die Siedlung Neugrüen bereits bei der Aufrichte mit einem provisorischen Minergie-A-ECO-Zertifikat auszeichnete.

Der Artikel ist eine Zusammenfassung aus der Ausgabe «Schweizer Energiefachbuch 2014» nachhaltig planen, bauen und betreiben.Zu bestellen bei:
 
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