Das 2010 eingeweihte IUCN Conservation Centre ist ein bedeutender Erweiterungsbau am Hauptsitz der International Union for Conservation of Nature in Gland VD, der internationalen Dachorganisation der Naturschutzorganisationen. Es umfasst 110 bis 140 Arbeitsplätze auf rund 3000 m2 Bürofläche. Zuoberst befindet sich im Holcim Think Tank ein Meeting- und Konferenzzentrum für rund 100 Personen. Die Vorgabe an das Architekten- und Gebäudetechniker-Team hiess: Zertifizierung nach LEED Platinum und Minergie-P-Eco, weltweit zwei der strengsten Normen im Bereich des nachhaltigen Bauens. Kombiniert definieren sie den umfassendensten heute vorstellbaren Kriterienrahmen, um im Bauprozess ökologische Ziele durchzusetzen. LEED (Leadership in Energy and Environmental Design) ist breiter als Minergie angelegt und wird vom US Green Building Council vergeben. Trotz dieses anspruchsvollen Normengerüsts hielt das IUCN Conservation Centre mit Baukosten von CHF 20 Mio. die zweite ambitionierte Vorgabe ein, nicht teurer zu sein als ein konventionelles Bürogebäude. Um diese Ziele zu erreichen, sind die Architekten von agps architecture (Zürich) und das Gebäudetechnik-Team (Amstein + Walthert, Genf) neue Wege gegangen und haben innovative  architektonische Konzepte, Technologien und Baustoffe kombiniert. Das Gebäude gilt als Meilenstein der Stossrichtung «Towards Zero Emissions Architecture», wie sie vom Departement Architektur der ETH Zürich vorangetrieben wird.

Architektur auf das Wesentliche reduziert
«Wir haben die Architektur auf das Wesentliche reduziert», sagt Hanspeter Oester, bei agps architecture zuständig für das Projekt. Das Energiekonzept ist integraler Bestandteil des architektonischen Konzepts. Das Gebäude wird mit einem System beheizt und gekühlt, das Wärme und Kälte im Beton speichert. Die Wärmequelle im Winter bzw. die Kältesenke im Sommer ist ein geothermischer Speicher in bis zu 180 Meter Tiefe. Er wird über eine reversible Wärmepumpe mit 15 Erdwärmesonden genutzt. Rundumlaufende Balkone und verstellbare Lamellen sorgen dafür, dass das Gebäude im Sommer nicht überhitzt und im Winter passive Wärme und Licht ins Gebäudeinnere gelangen. Die in allen Räumen montierten Deckensegel dienen der Raumakustik, dem Heizen und Kühlen und enthalten gleichzeitig Abluftauslässe, Sprinkler und Beleuchtungskörper. CO2-Sensoren aktivieren die Lüftung nur dann, wenn sich Personen im Raum befinden. Auf diese Weise wird zusätzlich Energie gespart. Das ausgeklügelte Energiekonzept führt dazu, dass das IUCN Conservation Centre nur rund 20 Prozent der Betriebsenergie eines Standard-Bürogebäudes benötigt. Das Gebäude ist im Betrieb zudem CO2-neutral; das auf dem Dach installierte Photovoltaik-Kraftwerk liefert eine Leistung von 150 Megawattstunden pro Jahr. Dies sind 70 Prozent der benötigten Energie ­(inkl. Beleuchtung, Verbrauch durch PCs etc.). Für die restlichen 30 Prozent bezieht die IUCN Strom aus zertifizierter Wasserkraft. Auch die Primärstruktur ist energetisch optimiert. Dafür arbeiteten die Architekten und Ingenieure eng mit einem Schweizer Baustoffproduzenten zusammen. So gelangte zum Beispiel ein CO2-reduzierter Holcim-Zement zum Einsatz, und spezifisch für das Projekt wurde ein sehr druckfester Dämmbeton entwickelt, der mit 950 Kilogramm pro Kubikmeter zweieinhalb Mal leichter ist als herkömmlicher  Beton. 40 Prozent des im Gebäude eingesetzten Betons bestehen zudem aus Recyclingmaterial aus der nahen Umgebung.

Auszeichnung «SIA Umsicht 11» und Solarpreis 2010
Das pionierhafte Konzept hat dem Gebäude vor wenigen Wochen die Auszeichnung «Umsicht 2011» des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins SIA eingetragen. Der Preis würdigt Projekte mit einer zukunftsfähigen Gestaltung des Lebensraums, die kulturelle Faktoren wie ästhetische und soziale Qualitäten mitberücksichtigt. Die Solaragentur Schweiz hat dem IUCN Conservation Centre zudem für das energetische Konzept den Solarpreis 2010 verliehen.

Nachhaltige Bauten langfristig günstiger
Sind solche auf Nachhaltigkeit ausgelegten Bauten kostengünstiger oder teurer als herkömmliche Gebäude? Eine fundierte Antwort lässt sich nur mit einer Betrachtung über den ganzen Lebenszyklus eines Gebäudes geben. «In der Regel ist mit höheren Baukosten zu rechnen», fasst Hanspeter Oester seine Erfahrungen zusammen. Die Betriebskosten eines nachhaltigen Gebäudes dagegen fielen tiefer aus als bei konventionellen Gebäuden. Dies rechtfertige höhere Investitionen und führe in der Gesamtrechnung zu tieferen Kosten, so der Architekt.