Die Optimierung führt zu mehr Lebensqualität und zu Gebäuden,  die umweltschonender, komfortabler sowie gesundheitsschonend und werthaltiger sind, sagt Prof. Dr. Jürg Bichsel Leiter Institut Energie am Bau FHNW.

Herr Bichsel, was umfasst «Nachhaltiges Bauen»? Welche Schwerpunkte werden gesetzt?
Der Begriff «Nachhaltiges Bauen» wird in der SIA-Norm mit den drei Dimensionen der nachhaltigen Entwicklung, der Umwelt-, Sozial- und Wirtschaftsverträglichkeit, für das Bauen konkretisiert und in 32 Kriterien formuliert. Das Postulat der Nachhaltigkeit umfasst somit weit mehr als reines Energiesparen. Es schliesst Anforderungen wie die Nähe zum öffentlichen Verkehr und die Ressourcenschonung bei der Materialwahl genauso ein wie etwa kinderfreundliches und behindertengerechtes Bauen sowie wirtschaftliche Lebenszykluskosten. Die Gebäude sind für rund die Hälfte sowohl des gesamten Energieverbrauchs als auch des Klimagasausstosses verantwortlich. So bildet die ökologische Nachhaltigkeit den wichtigsten Schwerpunkt, an den heute grundlegend neue Anforderungen gestellt werden. Die Nachhaltigkeitsziele zur Optimierung bei jedem Bauprojekt gehen dabei auf folgende Bereiche ein: Die Heizwärme, die Warmwassererzeugung, den Strombedarf für Beleuchtung, Geräte, Kommunikation sowie die graue Energie (Herstellungsenergie der Baumaterialien) und schliesslich die lokale Nutzung der Sonnenenergie und die Stromproduktion mit Photovoltaik-Paneelen.

Wo liegen die Vorteile nachhaltigen Bauens?
In Studien wurde nachgewiesen, dass der Wert von Minergie-Bauten schneller ansteigt als der von Bauten ohne Minergiestandard. Sie bieten beispielsweise durch die Komfortlüftung einen erhöhten Lärmschutz oder die Möglichkeit, Pollen- und Staubfilter einzusetzen. Bei der Ausführung als Minergie-ECO-Bauten wird in besonderem Masse auf die Wohngesundheit und die Umweltverträglichkeit geachtet.

Welche Nachteile stehen dem gegenüber, gibt es kurzfristige Kosten?
Billigbauten erreichen die hochgesteckten Nachhaltigkeitsanforderungen nicht. Die Investitionskosten liegen deshalb für die Ausrichtung und Optimierung zur Nachhaltigkeit eines Gebäudes oder Baus etwas höher. Die Erreichung des Minergiestandards verlangt zwischen 2 und 5 Prozent, für Minergie-P etwa 10 und 15 Prozent Mehrkosten. Ein Teil davon kann durch die reduzierten Energiekosten wieder ausgeglichen werden.

Welche Anreize werden vom Staat im Rahmen von Fördermitteln geboten?
Insbesondere Energie-Massnahmen werden finanziell gefördert. Im Rahmen des Gebäudeprogramms von Bund und Kantonen können Immobilienbesitzende Fördergelder für einzelne Massnahmen wie Wärmedämmungen oder den Einbau neuer darauf ausgerichteter Fenster nutzen und leisten gleichzeitig einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz. Die Förderung ist stark standortabhängig, weil die Kantone, Städte und Gemeinden das Gebäude­programm individuell ergänzen (etwa durch die Förderung erneuerbarer Energien).

Was würde gesamtschweizerisch nachhaltiges Bauen bezüglich Energiegewinnung und Schadstoffausstoss bringen?
Der Gebäudesektor bietet das grösste Potenzial, die Verschwendung zu reduzieren. Die grosse Herausforderung stellen die bestehenden Bauten dar. Eine Optimierung birgt ein Potenzial von rund einem Viertel des gesamten Energiebedarfs und des analogen Klimagasausstosses in sich. Eine solche Sanierung wird aber Jahrzehnte dauern, denn Massnahmen dazu werden jeweils erst in den anfallenden Erneuerungs- und Modernisierungsbedarf der betreffenden Bauten einbezogen.

Welche Veränderungen prognostizieren Sie durch nachhaltiges Bauen?
Wird die breitflächige Durchsetzung nachhaltiger Bauweisen durch Massnahmen zur Eindämmung der Energieverschwendung ergänzt, die sich nach dem Verursacherprinzip bei der Schadensdeckung richten, wird der übermässige Klimaaausstoss relativ zügig abgebaut werden. Im Nachgang kann der Energiebedarf insgesamt reduziert und der verbleibende auf erneuerbare Quellen umgestellt werden.