Herr Beyeler, was steckt hinter dem Begriff Minergie?
Das Qualitätslabel Minergie steht für neue und modernisierte Gebäude, die wenig Energie verbrauchen. Minergiehäuser – im besten Fall Null- oder Plusenergiehäuser – erfüllen hinsichtlich Komfort, Gesundheit, Schadenfreiheit, Energieverbrauch und Wirtschaftlichkeit hohe bauliche und technische Ansprüche. Die von der Wirtschaft, den Kantonen und dem Bund gemeinsam getragene Marke Minergie bezweckt anhand nachhaltiger Baustandards einen optimalen Wohn- und Arbeitskomfort für Gebäudenutzer bei gleichzeitiger Senkung der Umweltbelastung. Ermöglicht wird dieser Komfort durch eine gute Bauhülle und die systematische Lufterneuerung.

Können Sie uns ein Beispiel geben?
Der Mensch produziert beim Atmen CO₂. Als Folge der belasteten Luft in einem ungelüfteten Raum können Kopfweh und Ermüdungserscheinungen auftreten. Wenn wir lüften, dringt im Winter Kälte ein und Wärme geht verloren. Im Sommer hingegen haben wir nebst der Hitze mit Pollen zu kämpfen. Wer an einer stark befahrenen Strasse wohnt, ist zudem einem hohen Lärmpegel ausgesetzt. In Minergie-Bauten sind die Räume dank guter Isolation und Komfortlüftung vor Lärm und grossen Temperaturschwankungen geschützt. Die Fenster bleiben geschlossen, wobei die konstante Frischluftzufuhr und die Abfuhr von Schadstoffen und Feuchtigkeit gewährleistet sind.

Welche finanzielle und ökologische Wirkung haben minergetisch konstruierte Gebäude?
Minergie ist umweltschonend und sichert die Werterhaltung. Durch den hohen Nutzwert verbessert sich auch die Vermiet- und Verkaufbarkeit von Minergiehäusern. Gemäss einer Studie von Wüest & Partner, der ZKB und der Universität Zürich wirkt sich die Bauqualität auf den mittel- und langfristigen Wert einer Liegenschaft stark aus. Der Mehrwert eines Minergie-Einfamilienhauses bei sonst identischen Hauseigenschaften beträgt gegenüber einem konventionellen Einfamilienhaus rund 7 %. Die eingesparten Kilowattstunden eines Minergiehauses machen sich über die Jahre auf dem Konto bemerkbar. Allfällige Mehrkosten der besseren Bauqualität lassen sich durch die bei den Energiekosten eingesparten Gelder gut kompensieren. Die Energiepreise werden künftig steigen, was Hausbesitzer vermehrt dazu bewegen wird, in Minergie zu investieren und fossile Brennstoffe zu meiden.

«Heute entfallen 50 % des
Gesamtenenergieverbrauchs der
Schweiz auf den Gebäudebereich.»

Wo wird es künftig Änderungen bei den Standards geben und wer definiert sie?
Die Standards werden vom Verein Minergie entwickelt und von den kantonalen Behörden und Verbänden unterstützt. Heute entfallen 50 % des Gesamtenergieverbrauchs der Schweiz auf den Gebäudebereich: Ein hoher Anteil im Vergleich zu anderen Verbrauchssektoren. Mit der Energiewende und den EU-Energievorgaben vor Augen, setzen wir auf die Weiterentwicklung der Minergie-Standards. Die Niedrigst- sowie Null- oder Plusenergiestandards Minergie-P und A und der Einsatz von erneuerbaren Energien sollen vermehrt zur Messlatte für energieeffizientes Bauen werden.

Wohin soll die Entwicklung führen?
Unser Hauptziel ist natürlich ein grosser Zuwachs von Neubauten und Modernisierungen nach Minergie-Standards. Dies setzt voraus, dass wir Hausbesitzer künftig noch besser dazu motivieren wollen, ihre Gebäude energetisch zu sanieren und zu modernisieren. Im Vordergrund steht der Komfort für die Nutzerschaft bei gleichzeitiger Reduktion der Umweltbelastung, getreu nach dem Motto «tiefer Energieverbrauch bei mehr Lebensqualität».