Mediaplanet: Die Digitalisierung hält Einzug und reformiert Arbeits-, Konzept- und Denkprozesse in der Schweizer Bauwirtschaft. Mit welchen Folgen?

Tanja Heublein: Die Digitalisierung reduziert zunehmend die Bedeutung der räumlichen Nähe der einzelnen Bauprojektbeteiligten während der Planungsphase. Der digitale Datenaustausch ermöglicht die Bildung von Projektteams auch über grössere räumliche Distanzen hinweg und vereinfacht die Informationszugänglichkeit. Informationen stehen allen Beteiligten sofort zur Verfügung.

Aufwendige Abgleiche von Datenbeständen und die Gefahr, mit veralteten Daten zu arbeiten, verschwinden. Allerdings gewinnt gleichzeitig der Aspekt der «eindeutigen» Information und klarer Arbeitsabläufe an Bedeutung. Standardisierung wird in allen diesen Belangen zum Imperativ.

Wie wichtig sind dafür klar definierte Strukturen und Prozesse?

Wichtiger denn je! Mit den beiden Baukostenplänen eBKP und dem Normpositionen-Katalog NPK sind bereits zwei standardisierte Strukturen für den Austausch von digitalen Informationen zu Kosten und Leistungen im Rahmen eines Bauprojektes vorhanden.

Worin liegen die grössten Herausforderungen in der Digitalisierung der Bauwirtschaft?  

BIM als eine der Erscheinungsformen der Digitalisierung im Bauwesen beschreibt eine Methode der optimierten Planung, Ausführung und Bewirtschaftung von Gebäuden mit Hilfe von Software. Hierbei werden alle relevanten Gebäudedaten digital modelliert, kombiniert und in einem virtuellen Gebäudemodell erfasst.

Die Realisierung dieses Modells, welches das Gebäude vor der eigentlichen Bauphase bereits detailgetreu darstellt, zwingt zu einer früheren Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Schnittstellen und zwar räumlich, tragkonstruktiv, zwischen den unterschiedlichen Bauprojektbeteiligten und so weiter.

Konkret wird dies seitens der Bauherrschaft frühere Grundsatzentscheide etwa zu Materialwahl oder Konstruktionsvarianten erfordern und kann dazu führen, dass das heute gültige phasengebundene Modell zur Vergütung der Planerleistungen kritisch hinterfragt und gegebenenfalls angepasst werden muss.

Und wie sieht es mit der Gewährleistung des Datenaustauschs aus?

Die derzeitige Entwicklung von Lösungen für einen Datenaustausch innerhalb eines konkreten Projektes oder eines spezifischen Unternehmens ist zwar ein erster Schritt. Langfristig sind diese Insellösungen jedoch nicht zielführend.

« Dies bedeutet nicht nur eine Standardisierung
von Datenstrukturen,
sondern zunehmend auch eine Ausein-andersetzung mit
standardisierten
Prozessen und Arbeitsabläufen, was in einer « Digital Transformation » kein
« nice-to-have » mehr ist, sondern Voraussetzung. »

Im Hinblick auf eine optimale Vernetzung der unterschiedlichen Beteiligten in der Bauwirtschaft muss der Anspruch vielmehr darin liegen, systemunabhängige Prozesse und Strukturen zu definieren, die von allen Beteiligten in gleicher Weise für den Datenaustausch genutzt werden können. In diesem Zusammenhang sprechen wir dann unter anderem von «OpenBIM».

Wo sehen Sie diesbezüglich mögliche Hürden?

Der Vorteil dieser offenen Systeme und des damit verbundenen vernetzten Datenaustausches führt zwangsläufig auch zu neuen Fragen, die gegenwärtig noch nicht geklärt sind. So werden im Zusammenhang mit OpenBIM rechtliche Aspekte zum Urheberrecht geklärt werden müssen.

Etwa die Frage, wer der Eigentümer der Daten ist. Doch auch die Datenverantwortung im Sinne einer Qualitätssicherung ist eine wichtige Frage. Wer garantiert, dass die erhaltenen Informationen richtig sind? Wichtig ist es auch, sich zu überlegen, wer in welcher Phase des Planungs- und Bauprozesses welche Informationen benötigt, um seine jeweilige Aufgabe optimal ausführen zu können. Hier geht es weniger um die Datenmenge, sondern vielmehr um die Anforderung, die richtigen Informationen zur richtigen Zeit in der richtigen Form zur Verfügung zu stellen.

Dies bedeutet nicht nur eine Standardisierung von Datenstrukturen, sondern zunehmend auch eine Auseinandersetzung mit standardisierten Prozessen und Arbeitsabläufen, was in einer «Digital Transformation» kein «nice-to-have» mehr ist, sondern Voraussetzung.

Gibt es da schon konkrete Ansätze?

Wir arbeiten gegenwärtig an zwei Entwicklungsprojekten: Zum einen geht es darum, den Prozess zur Erstellung von Datenblättern mit definierten Attributen/Eigenschaften – sogenannten Product-Data-Sheets – zu einem spezifischen Bauprodukt für die Schweiz zu standardisieren.

Zum anderen soll ein Prototyp entwickelt werden, welcher aufzeigt, wie Kosteninformationen bereits in einem virtuellen Modell in einer CAD-Software verankert und zur weiteren Verarbeitung in ein Bauadministrationsprogramm exportiert werden können. Die Herausforderung wird sein, die aktuell verfügbaren Standards weiterzuentwickeln und schlüssig miteinander zu verbinden.

Deshalb werden die spezifischen Fragestellungen der Digitalisierung momentan auch im Zusammenhang mit der Beschreibung von Bauleistungen und dem bestehenden Normpositionen-Katalog NPK reflektiert.

Welches sind die grössten Chancen der Digitalisierung für die Schweizer Bauwirtschaft?

Die wesentlichen Chancen der Digitalisierung liegen für die Schweizer Bauwirtschaft als Branche momentan in einem abgestimmten und gemeinsamen Vorgehen und Lernen, welches für die erfolgreiche Erschliessung dieses neuen Trends von essenzieller Bedeutung ist.

Obwohl die Schweizer Bauwirtschaft mit den vorhandenen Arbeitsmitteln zur strukturierten Erfassung von Informationen zu Kosten und Leistungen bereits über ein hohes Mass an Standardisierung verfügt, wird die Zuverlässigkeit, Verbindlichkeit und Transparenz im gesamten Lebenszyklus eines Bauwerks durch die Digitalisierung zukünftig nochmals zunehmen. Dies ist zum Vorteil aller Beteiligten.

Die Initiative «netzwerk_digital» geht hier mit gutem Beispiel voran: Dieser Interessenverbund hat sich zum Ziel gesetzt, die digitale Transformation im Planungs-, Bau- und Immobilienwesen zu koordinieren und gemeinsam voranzutreiben, wovon die gesamte Schweizer Bauwirtschaft profitieren kann.