Profil

Prof. Dr. Bernd Scholl
Professor am Institut für Raum- und Landschaftsentwicklung für Raumentwicklung der ETH Zürich

Was für eine Siedlungsstruktur hat die Schweiz als kleines Land mit vielen Bergen?
Bernd Scholl: Die Erschliessung der Verkehrswege im alpinen Teil ist viel aufwendiger. Deshalb lebt der grösste Teil der Bevölkerung im Mittelland, also zwischen Bodensee und Genfersee. Die Schweiz ist, bezogen auf das Hauptsiedlungsgebiet, eines der am dichtesten besiedelten Länder Europas. Denn von den über 40‘000 Quadratkilometern Bodenfläche ist nur ein Drittel prinzipiell besiedelbar, der Rest sind Berge, Wälder und Ödland. Zu den restlichen 30 Prozent zählt die Kulturlandflächen, also die landwirtschaftliche Fläche, welche in der Vergangenheit auch sehr stark für Siedlungszwecke in Anspruch genommen worden ist. Jeder Quadratmeter der oben genannten 30 Prozent, der neu eingezont wird, geht vor allem der Kulturlandfläche verloren.

Bei einer Fläche von rund 40 000 Quadratkilometern ist also nur ein geringer Teil als Siedlungsfläche nutzbar. Wie wird sich dieses Verhältnis in Zukunft verändern?
Die Absicht auch nach der grossmehrheitlichen Annahme des revidierten Raumplanungsgesetzes vom 3.März dieses Jahres ist, dass nicht mehr viel dazukommt. Bereits jetzt entsteht bei einer Fahrt durchs Mittelland der Eindruck der Zersiedlung. Die Revision des Raumplanungsgesetztes verlangt nun, dass die Besiedlung vor allem nach innen gerichtet ist. Das heisst, dass vor allem im Bestand die Siedlungsflächenreserven genutzt werden und zwar insbesondere im Einzugsbereich der Haltestellen des Öffentlichen Verkehrs.

Also wird es dort, wo es bereits eng ist, noch enger?
Man muss zwischen der baulichen Dichte und Einwohnerdichte unterschieden. Denn die Fläche pro Kopf wird tendenziell zunehmen, wenn die Wirtschaft weiterhin prosperiert. Aber auch Arbeiten von Zuhause aus wird immer bedeutender. Man sollte jedoch nicht jede freie Fläche zubauen. Ein Grundsatz der Raumplanung ist deshalb: Es gibt keine Patentrezepte. Qualität geht vor Quantität. Jeder Raum ist verschieden und soll auch verschieden bleiben, damit nicht alles gleich aussieht. Reichtum durch Verschiedenartigkeit ist eine der Stärken der Schweiz.

Welche Flächen könnten für mehr Wohnraum weichen?
Das sind brachliegende Industrielandschaften, die transformiert werden müssen. Dort gibt es auch noch Reserven, die aber in den nächsten 20 Jahren aufgebraucht sein werden. Dann kommen eben die Reserven zum Zug, die wir im Bestand haben, also die Baulücken oder Gebiete, in denen die Nutzung um rund 20 Prozent noch erhöht werden kann, weil der Ausbaugrad es zulässt. Darüber hinaus kann es nur dichter werden, wenn die Zonenpläne geändert werden. Also zuerst das Bestehende ausnutzen und dann eine Umzonung ins Auge fassen.

Welche Bedeutung hat das Flächenmanagement für die innere Stadt- und Landesentwicklung?
Jede Gemeinde muss wissen, welche Reserven sie hat und wie gross die Nachfrage voraussichtlich sein wird. Aus dieser Flächenbilanz und dem Verteilungsmuster der Reserven heraus muss man eine räumliche Strategie entwickeln, wo Aussenentwicklung im Rahmen der eingezonten Flächen noch möglich ist. Wir haben ein Kooperationsprojekt in verschiedenen Kantonen und zusammen mit den Gemeinden durchgeführt. Dort zeigt sich, dass etwa die Hälfte der zukünftigen benötigten Flächen im weitgehend besiedelten Gebieten vorhanden ist. Eine Herausforderung wird, namentlich bei den kleineren und mittleren Gemeinden, darin bestehen, diese Reserven zu mobilisieren.