Wo orten Sie denn die ­Ursachen für den viel beklagten ­Fachkräftemangel?
Das Handwerk steht heute immer weniger im Fokus von Eltern und Schulen. Spürbar ist eine Tendenz zur Akademisierung unserer Gesellschaft. Mit gutem Grund kämpft deshalb die Baubranche gegen ein überholtes Image an, das heute so nicht mehr stimmt. Die Arbeit auf dem Bau ist zwar streng. Gleichzeitig tragen immer mehr Maschinen und Geräte sowie besser koordinierte Bauabläufe zur Schonung der Mitarbeitenden bei.
Gerade das Bauhauptgewerbe zeichnet sich durch interessante Aufstiegsmöglichkeiten aus. Der Maurer bildet sich weiter zum Vorarbeiter und Polier, später eventuell zum Bauführer und schliesslich zum Baumeister. Zudem werden die höchsten Minimallöhne aller Branchen gezahlt, die über einen Gesamtarbeitsvertrag verfügen.

Am Lohn kann es also nicht liegen?
Lohnmässig steht unsere Branche an der Spitze. Heute fehlt aber das Bewusstsein, dass sehr viele erfolgreiche Unternehmer den dualen Bildungsweg beschritten haben und sich dank einer Berufslehre das Rüstzeug geholt haben, um sich innerhalb ihrer Branche kontinuierlich hochzuarbeiten. Viele Führungskräfte in der Baubranche haben ihre Karriere als Maurer begonnen und stehen heute an der Spitze von Unternehmungen. Es braucht keinen akademischen Abschluss, um Verantwortung zu übernehmen. Die erwähnte Idealisierung der akademischen Bildung macht es aber schwierig, solche Vorurteile abzubauen.

Die Baubranche zeichnet sich durch eine Vielfalt an attraktiven Berufen aus. Das müsste doch für genügend qualifizierten Nachwuchs sorgen.
Das kann ich nur bestätigen. Trotzdem liegen die handwerklichen Berufe momentan nicht im Trend. Vor allem qualifiziertere Jugendliche unterschätzen leider oft die Möglichkeiten einer Berufskarriere im Handwerk. Da braucht es Aufklärungsarbeit seitens der Branchen, um das Image solcher Berufe zu verbessern.

Wie könnte die Aus- und Weiterbildung im Baugewerbe noch attraktiver gestaltet werden? Anders gefragt: Welchen Beitrag könnte dazu das «Bildungsland Schweiz» leisten?
Beim Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation ist der wohl wichtigste Schritt eingeleitet. Vom Projekt der Positionisierung und Finanzierung der höheren Berufsbildung erwarte ich einiges, das der erwähnten Akademisierung entgegenwirkt. Die Sicherstellung der Finanzierung unseres Erfolgsmodells ist ein wichtiger Beitrag. Will das Bildungsland Schweiz weiterhin auf seiner Erfolgswelle reiten, dürfen dem akademischen Bildungsweg keine Mittel entzogen werden. Aber im gleichen Zug müssen auch mehr Mittel für die Höhere Berufsbildung fliessen.

Die benötigten Fachkräfte aus dem Ausland zu rekrutieren: Wäre das eine sinnvolle Lösung?
Interessant ist ja, dass heute viel weniger ausländische Mitarbeiter im Baugewerbe tätig sind als noch vor drei Jahrzenten. Trotzdem ist die Bauwirtschaft auf ausländische Mitarbeiter angewiesen. Allerdings ist die Rekrutierung im Ausland kein Allerweltsheilmittel. Wir brauchen Mitarbeiter aus unserem Kulturraum, denn Qualitätsansprüche und Werte können nicht einfach weitergegeben werden an Fachkräfte, die nicht in diesem Raum aufgewachsen sind. Bauen ist so betrachtet eben auch ein Stück Kulturgut.