Gründe dafür sind der zunehmende Einsatz erneuerbarer Energien sowie die Erkenntnis, dass Energieeffizienz nicht nur gut gedämmte Gebäude bedeutet, sondern intelligente, gesamtheitliche Konzepte erfordert.
 

Nur wenige wissen, wie der Berufsalltag eines Gebäudetechnik-Ingenieurs aussieht, und für entsprechend wenig junge Berufsfachleute war bis anhin ein Gebäudetechnik-Studium erste Wahl. In der Schweiz werden einzig an der Hochschule Luzern Gebäudetechnik-Ingenieurinnen und -Ingenieure ausgebildet. Nicht selten wurden in früheren Jahren weniger als 20 Studierende diplomiert, obwohl der Bedarf in der Branche (Ingenieurbüros, Industrie, öffentliche Hand) immer deutlich grösser war.

Veränderungen in Umwelt und Gesellschaft bewirken einen merklichen Wandel. Energiesparen ist zwar schon seit der Energiekrise anfangs der 70er-Jahre ein Thema. Schon damals erkannte man, dass der hohe Energieverbrauch von Gebäuden mit einer guten Wärmedämmung deutlich reduziert werden kann. In den letzten Jahren zeigte sich aber immer mehr, dass auch die Gebäudetechnik einen wesentlichen Beitrag an energieeffiziente Gebäude liefern kann, dies vor allem auch, wenn der Fokus nicht mehr nur auf einem tiefen Energieverbrauch liegt, sondern auch auf der Reduktion der CO2-Emissionen.

«Dieser vielseitige Beruf erhält immer mehr Beachtung. Die Studierendenzahlen steigen zurzeit stark an, und auch Weiterbildungen in diesem Bereich erfreuen sich grosser Beliebtheit.»


Die Energiewende mit dem vom Bund angestrebten Verzicht auf Atomstrom führt auch zu Veränderungen im Gebäudebereich. Visionen, welche den Energiebedarf gegenüber heute um den Faktor 3 («2000-Watt-Gesellschaft») oder den CO2-Ausstoss gar um den Faktor 8 («1-Tonne-CO2-Gesellschaft») reduzieren wollen, werden immer konkreter. Innovative Bauherrschaften bauen einzelne Gebäude, die mehr Energie produzieren, als sie selber brauchen, oder realisieren ganze Areale, welche den umfassenden Aspekten der Nachhaltigkeit gerecht werden, indem sie hohe Anforderungen in den Bereichen Gesellschaft, Ökologie sowie Wirtschaftlichkeit erfüllen. Noch geschehen solche Initiativen freiwillig. Auf europäischer und nationaler Ebene laufen aber Vorbereitungen, dass Neubauten schon in wenigen Jahren zwingend sogenannte Nearly Zero Energy Buildings (NZEB) sein müssen – Gebäude, die in der Jahresbilanz fast keine Energie mehr brauchen.

Sparen ist nicht genug
Nur mit Energiesparen lässt sich dieses Ziel kaum erreichen: Das Gebäude muss auch Energie produzieren. Dabei werden u.a. Photovoltaik-Anlagen eine zentrale Rolle spielen. Wird heute der Strom primär in einigen wenigen Kraftwerken produziert, erfolgt in Zukunft die Erzeugung vermehrt dezentral. Das Gebäude ist zukünftig nicht mehr nur Energieverbraucher, sondern wird auch Energie produzieren, speichern und ins allgemeine Stromnetz einspeisen, was wiederum eine grosse Herausforderung für die Netze bedeutet.

Aber auch die Systemgrenzen werden erweitert: War früher der Heizwärmebedarf (Heizölverbrauch) der Massstab für den Energieverbrauch, ist es heute immer mehr der Gesamtenergiebedarf, bestehend aus dem Betriebsenergiebedarf (Heizen, Kühlen, Geräte, Beleuchtung etc.), dem Energiebedarf für die Erstellung des Gebäudes («Graue Energie») und dem Energiebedarf für die durch den Gebäudestandort verursachte Mobilität.

Diese Entwicklungen stellen grosse Herausforderungen an die Gebäudetechnik. Sie zeigen aber auch, wie vielfältig und interessant die Aufgabe des Gebäudetechnik-Ingenieurs ist: Er befasst sich nicht mehr nur mit einzelnen Komponenten und Anlagen, sondern muss komplexe Systeme verstehen, beherrschen und optimieren («Gebäude als System»). Es geht aber noch einen Schritt weiter: Das einzelne Gebäude wiederum ist Teil eines übergeordneten Systems, das ein Areal, ein Quartier oder eine ganze Region sein kann («Gebäude im System»). Die optimale Einbindung eines Gebäudes in ein solch übergeordnetes System gehört ebenfalls zu den Aufgaben des Gebäudetechnik-Ingenieurs.

Fachkräfte sind notwendig
Dieser vielseitige Beruf erhält immer mehr Beachtung. Die Studierendenzahlen steigen zurzeit stark an, und auch Weiterbildungen in diesem Bereich erfreuen sich grosser Beliebtheit. Damit die Abgängerinnen und Abgänger die Bedürfnisse der Branche nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ befriedigen können, muss die Ausbildung regelmässig an die Herausforderungen der Zukunft angepasst werden. Ein zentrales Anliegen ist dabei die Etablierung des integralen Denkens, so dass Projekte von einem interdisziplinären Team aus Architekten, Ingenieuren und weiteren Fachleuten gestaltet werden und nicht das Produkt von Einzelkämpfern sind.
Den jungen Fachleuten alle nötigen Kompetenzen mit auf den Weg zu geben, ist die Herausforderung, die es in der Ausbildung anzupacken gilt. Nur so kann die Gebäudetechnik die Schlüsselrolle, die ihr immer mehr zukommen wird, auch richtig wahrnehmen.