Das städtebaulich wertvolle Gurten-Brauerei-Areal ist lange Zeit brach gelegen. Jetzt wird dort gebaut. Wie erweckt man eine solche Brache zu neuem Leben?
Wir haben im April 2008 das Mandat der Entwicklung und Wiederbelebung des Gurten-Areals zugesprochen bekommen und uns in den letzten Jahren mit dieser Thematik auseinander gesetzt. Jeder Belebungsversuch eines brach liegenden Grundstücks stellt eine besondere Herausforderung dar, und jeder Brache liegt eine eigene Vision und Projektidee zugrunde. Gerade im Hinblick auf die sich schweizweit abzeichnende Zersiedelung wird uns das Thema auch in Zukunft beschäftigen. Neben der Vision eines lebendigen und in vielerlei Hinsicht aussergewöhnlichen Quartiers haben wir auf dem Gurten-Areal während der ganzen Entwicklungsphase immer wieder versucht, die zukünftigen Anforderungen und Bedürfnisse des Marktes zu deuten und das Projekt darauf auszurichten.

Altes soll nur sanft saniert und mit Neuem ergänzt und ersetzt beziehungsweise aufgewertet und aufgelockert werden. Weshalb haben Sie diesen Ansatz gewählt und nicht einfach einen Neubau erstellt?
Das Areal weist durch seine historischen Bauten städtebauliche Qualitäten auf, die nicht einfach durch Neubauten ersetzt werden können. Zudem sind die meisten der sich auf dem Areal befindenden Gebäude, die saniert und umgenutzt werden sollen, noch nicht am Ende ihres Lebenszyklus angelangt. Es wäre deshalb ein Unsinn, diese Bausubstanz frühzeitig zu vernichten.

Die vielfältig gemischte neue Nutzung soll durch die Umnutzung der bestehenden Gebäude und die Verdichtung der Arealstruktur ab 2013 nach einer zweijährigen Umbauphase ermöglicht werden. Welche Ideen und Überlegungen liegen diesem Konzept zugrunde?
Ziel war es, einen vielseitigen Begegnungsort für Menschen mit einem Sinn für Aussergewöhnliches zu schaffen. Ein Quartier mit hohem Identifikationswert und optimaler Erschliessung durch den öffentlichen Verkehr. Durch die Verdichtung und Umnutzung soll Raum für neues Leben entstehen. Arbeit, Wohnen und Freizeit sollen dabei verbunden werden und zusammen einen modernen Lebensstil zwischen natürlicher Einfachheit und Luxus ermöglichen.

Wer hier dereinst wohnen und arbeiten wird, geniesst die Vorzüge von Stadt und Land gleichzeitig. Das Areal ist ruhig gelegen. Trotzdem sprechen Sie von einer verkehrstechnisch optimalen Erschliessung.
Glücklicherweise schliesst in unserem Fall das eine das andere nicht aus. Das Gurten-Areal ist sowohl für den Misch- wie auch für den öffentlichen Verkehr bestens erschlossen. Direkt unterhalb des Areals liegt die S-Bahn-Station, von wo aus der Bahnhof Bern in zehn Minuten zu erreichen ist. Ausserdem verkehren Bus und Tram in sehr regelmässigen Abständen von und nach Wabern. Dass alle Beteiligten von der hervorragenden Anbindung überzeugt sind, zeigt sich auch in der geringen Anzahl von Parkplätzen, die für den neuen Wohnraum zur Verfügung stehen.

Grossprojekte erzeugen oft Widerstände. Wie flexibel haben sich die Behörden bei der Planung des Projekts gezeigt?
Wir haben von Anfang an den Kontakt zu den Behörden von Kanton und Gemeinde gesucht und aktiv gefördert. Es ist von zentraler Bedeutung, bei Grossprojekten dieser Art sämtliche Entscheidungsträger und Interessengruppen von Anfang an mit einzubeziehen, um die Erwartungen und Auflagen der einzelnen Player zu kennen und in die Projektentwicklung einfliessen zu lassen. Diese Form der Zusammenarbeit mit allen am Projekt Beteiligten hat sich auch beim Gurten-Areal einmal mehr bewährt. Anwohner, örtliche Vereine und Interessengruppen wurden stets mit Informationen beliefert. Das überwältigende Resultat bei der Abstimmung zur Zonenplanänderung mit 84 Prozent Ja-Stimmen und lediglich zwei Einsprachen, die während der Baubewilligungsphase bereinigt werden konnten, gaben unserer Strategie Recht.

Gab es keine Einwände seitens der Zwischennutzer, die sich dort eingemietet hatten?
Die regelmässigen Informationsveranstaltungen und die aktive Kommunikation wurden von ihnen und der Bevölkerung meines Erachtens sehr geschätzt. Wir vermochten die Leute dadurch auch von der Idee und der Wichtigkeit des Projekts zu überzeugen. Dabei konnten auch wir selber bei der Entwicklung immer wieder von diesem Austausch profitieren.

Können Sie bereits sagen, wie hoch der Wohnanteil dereinst sein wird?
Ja. Geplant sind 15 000 Quadratmeter Wohnfläche und 16 000 Quadratmeter für Dienstleistung und Gewerbe. Der Wohnanteil wurde also von ursprünglich 20 Prozent auf 50 Prozent erhöht.

In welchem Preissegment bewegen sich die Wohnungen. Anders gefragt: Braucht es ein dickes Portemonnaie, um sich diese Wohnlage leisten zu können?
Wir haben den Verkauf der Wohnungen bereits lanciert. Die Nachfrage ist gross. Die Wohnungspreise bewegen sich je nach Grösse und Stockwerk zwischen 400 000 und 2.2 Millionen Franken. Das entspricht einem gehobenen Eigentumswohnungsstandard an bevorzugter Lage in Bern.

Alles scheint auf guten Wegen. Trotzdem die Frage: Waren Sie während der Planung auch mit Schwierigkeiten und Problemen konfrontiert?
Es wäre vermessen zu behaupten, dass wir uns in der Planung dieser komplexen Arealentwicklung nicht auch mit Knacknüssen auseinander setzen mussten. Die Herausforderung bestand einerseits darin, durch die natürlichen Gegebenheiten der Industrie­brache und den markanten Rückbau auf dem Areal, das Kosten-Nutzen-Verhältnis für alle Beteiligten in Einklang zu bringen und in einem vernünftigen Rahmen auszugestalten. Andererseits mussten sämtliche Interessengruppen davon überzeugt werden, dass ein hoher Wohnanteil überhaupt möglich war. Die Bündelung der Interessen war daher mit viel Überzeugungsarbeit verbunden.