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Die Destination Zermatt setzt sich für ein bedarfsgerechtes und bezahlbares Wohnungsangebot für Ortsansässige ein.

Nachhaltige Raumentwicklung

Melanie Butterling, Programmkoordinatorin, Bundesamt für Raumentwicklung ist überzeugt, dass die 32 neu lancierten Modellvorhaben viel zu einer nachhaltigen Raumplanung beitragen können.
Der Bund beschäftigt sich schon seit langem mit Themen einer nachhaltigen Raumplanung und -entwicklung sowie Wohnungs- und Siedlungspolitik. Seit dem Jahr 2012 dient ihm das Raumkonzept Schweiz als Orientierung. Mit den Modellvorhaben Nachhaltige Raumentwicklung möchte er nun neues wagen. «Modellvorhaben sind wie Laboratorien und dienen dazu, neue Methoden, Ansätze und Verfahren zu erproben, Erfahrungen zu sammeln und Lernprozesse in Politik, Verwaltung, Bevölkerung und Wirtschaft anzustossen», sagt die Programmkoordinatorin Melanie Butterling.

Fünf Themenschwerpunkte
Acht Bundesämter – neben dem ARE auch das BAFU, SECO, BLW, BWO, ASTRA, BASPO und BAG – beteiligen sich an den Modellvorhaben und haben sich auf fünf Themenschwerpunkte fokussiert: Die Umsetzung einer Siedlungsentwicklung nach innen, die Förderung der Freiraumentwicklung in Agglomerationen, die Schaffung eines ausreichenden und bedürfnisgerechten Wohnraumangebots, die Förderung der Wirtschaft in funktionalen Räumen sowie die nachhaltige Nutzung von natürlichen Ressourcen. Von 145 Eingaben wurden 32 Projekte ausgewählt, die rund um diese Schwerpunkte einen konkreten und innovativen Beitrag liefern sollen. «Der Bund beteiligt sich finanziell an ihnen und stellt sicher, dass Erfahrungen und Erkenntnisse ausgetauscht, gesammelt und aufbereitet werden, so dass auch Projekte ausserhalb der Modellvorhaben profitieren können», sagt Butterling.

Siedlung, Freiraum, Wohnraum
Sieben Projekte rund um die Siedlungsentwicklung sollen unter anderem zu einer qualitativen Verdichtung und zum Schutz von unverbauten Landschaften beitragen. «Sie befassen sich mit dem Umgang mit Bauzonen, der Verdichtung von Industrie- und Gewerbezonen und mit der Revitalisierung von Ortskernen», sagt Butterling. «Neun Vorhaben setzen sich mit den vielfältigen Funktionen von Freiräumen in Agglomerationen auseinander. Da heute fast drei Viertel der Schweizer Bevölkerung in diesen dicht besiedelten und stark genutzten Gebieten leben, sind Freiräume wichtige Begegnungs-, Aufenthalts- und Ausgleichsorte und schaffen Lebensqualität. Diese öffentlichen Grünflächen und Plätze und private Aussenräume sowie Gewässer, Wiesen, Felder und Wälder müssen gesichert und aufgewertet werden.» Weitere sechs Vorhaben befassen sich mit der Wohnraumförderung, mit preisgünstigem Wohnraum, der Anpassung des bestehenden Gebäudeparks an demografische Gegebenheiten und mit Herausforderungen in Tourismusregionen. «Das Wohnungsangebot soll aufrechterhalten und ausgebaut werden», sagt Butterling, «sowohl für kinderreiche Familien oder einkommensschwache Haushalte, als auch für Angehörige der Mittelschicht, junge Menschen in Ausbildung oder ältere Menschen, die eine altersgerechte Wohnung suchen.»

Wirtschaft und natürliche Ressourcen
Sechs Projekte möchten die wirtschaftliche Entwicklung in funktionalen Regionen fördern und entsprechende Hindernisse identifizieren und überwinden. «Letztlich geht es auch um bessere Rahmenbedingungen für die Ansiedlung neuer Unternehmen, den erhöhten Nutzen öffentlicher Investitionen und um die Vermeidung unnötiger Infrastrukturkosten», sagt Butterling. «Zudem befassen sich vier Vorhaben mit Fragen zur Biodiversität, zur Biomasse und zum Wasser sowie mit Nutzungskonflikten zwischen der Landwirtschaft und der Raumentwicklung. Sie sollen aufzeigen, wie natürliche Ressourcen nachhaltig in Wert gesetzt und ihr Kapital langfristig gesichert werden können.» Die 32 ausgewählten Projekte sollen bis Ende 2017 umgesetzt sein. «Sie alle klingen sehr viel versprechend. Ihren tatsächlichen Beitrag können wir aber erst nach der Umsetzung evaluieren», sagt Butterling.

Besonders in Städte kann die Gebäudehöhe viel zu einer verdichteten Siedlungsentwicklung und zur Wohnraumförderung beitragen. Dennoch wachsen Schweizer Städte kaum in die Höhe.

Den Bedürfnissen gerecht werden

Eine wirksame Raumplanung bedeutet für André Welti, dass man den verschiedenen Bedürfnissen, die an den Raum gestellt werden, einigermassen gerecht werden kann – Bedürfnissen der Menschen, aber auch Bedürfnissen der Natur. «Dazu müssen wir diese beiden Welten trennen», sagt er. «Wo der Mensch ist, hat anderes meistens keinen Platz mehr. Wir treten derart dominant auf, dass alles andere um uns herum verschwindet. Den Menschen von gewissen Dingen fernzuhalten und der Natur und Mitwelt weiterhin Platz zu geben, ist eine ethische und in der Schweiz wahrscheinlich die wichtigste Aufgabe. Die Schlüsselvoraussetzung ist ein materiell zurückhaltender Lebensstil und eine tiefe Bevölkerungsdichte.»

Pragmatismus
Oft versucht man den grossen Bogen zu schlagen und scheitert damit. Welti versucht einen pragmatischeren Ansatz. «Wir müssen einfache Massnahmen treffen – beispielsweise Gemeindefusionen. Unsere teils winzigen Gemeinden haben alle ihre Gewerbe-, Industrie- und Dienstleistungszonen, ihren Werkhof, ihre Einfamilienhäuser, ein Gemeindehaus, ein Schulhaus und einen Bahnhof. Das gibt eine unglaubliche Vervielfachung der Infrastruktur, die immer zu Lasten des Raums geht», sagt Welti. In räumlich grossen Gemeinden stehe es um die Raumplanung meistens besser, denn sie könnten stärker durchdachte Lösungen erarbeiten.

Verdichtungen
«Auch Verdichtung ist gut, an gewissen Orten sogar sehr gut», sagt Welti. Es müsse aber auch einen wirtschaftlichen Anreiz dafür geben. Ältere Häuser haben oft einen ansehnlichen Umschwung, den man sich früher gut leisten konnte und der Teil der Lebensqualität war. An guten Lagen ist dieser Raum viel Geld wert. Reisst man ein solches Gebäude ab und baut dort ein neues Haus mit fünf Wohneinheiten, ist der wirtschaftliche Anreiz sehr gross. «Das kann unter Umständen gut sein. Man muss allerdings aufpassen, dass man alte und gewachsene Strukturen und schöne Bausubstanzen nicht zerstört, was die Lebensqualität stark reduziert», sagt Welti. «Fahre ich jedoch mit dem Zug von Zürich nach Bern, sehe ich oft eine Masse an Einfamilienhäusern, nahe beieinander und doch immer mit Land rundherum. Dieser Wohnungs- und Siedlungspolitik würde eine Verdichtung mit einem ausgearbeiteten Raumkonzept bestimmt gut tun. Genauso für Gewerbeliegenschaften, die häufig einstöckig gebaut wurden, weil das einfacher und günstiger war. Das ist eine massive Platzverschwendung.»

Stadt und Land
Besonders in Städten kann die Gebäudehöhe viel zu einer verdichteten Siedlungsentwicklung und zur Wohnraumförderung beitragen. Dennoch wachsen Schweizer Städte selten in die Höhe. «Wir sind halt alle noch etwas landwirtschaftlich geprägt», sagt Welti dazu, «selbst unter Städtern gibt es diese grosse Sehnsucht nach Landleben. Deshalb will man auch noch einen kleinen, grünen Streifen neben dem Haus. Zwar macht man damit nichts, ausser ihn alle zwei Wochen zu mähen, aber unterbewusst vermittelt er das Gefühl, wir seien noch ein bisschen ländlich. Ich würde mehr Höhe durchaus begrüssen und verstehe die Angst davor nicht. Gerade in einer Stadt schafft Verdichtung viel Lebensqualität, urbane Qualität. Eine Stadt ohne urbanen Charakter ist keine Stadt.»

Zeit für Veränderungen
Schaffen wir es nicht, in Fragen der Raum- und Freiraumentwicklung Veränderungen umzusetzen, wird gemäss Welti eine beliebige Landschaft ohne Schwerpunkte und Charakter weiter wuchern. «Irgendwann hat das auch seelische Konsequenzen für unser Wohlbefinden», ist er überzeugt. Ob wir überhaupt noch Zeit haben, etwas zu ändern, weiss auch er nicht. «Aber wir können tun, was sich anbietet: Gemeinden und Infrastrukturen bündeln und dort verdichten, wo es Sinn macht.»