6 Experten beantworten folgende Fragen

  1. Was sind für Sie derzeit die grössten Herausforderungen in der Schweizer Bauwirtschaft?
  2. Wie sehen Sie die aktuelle Entwicklung der Digitalisierung beim Bauen?
  3. Welchen Stellenwert geben Sie BIM heute, und wo stehen wir in zehn Jahren?
  4. Wird sich BIM sowohl international als auch in der Schweiz, als neuer Standard für Planung und Bau durchsetzen?

Hans-Georg Bächtold  dipl. Forst-Ing. ETH/SIA, Raumplaner ETH/NDS, Geschäftsführer SIA

  1. Die zwei grössten Herausforderungen sind, einerseits die im Bauwesen Tätigen mit dem notwendigen, zusätzlichen Know-how zu versorgen und andererseits dafür zu sorgen, dass die verschiedenen Akteure des Bauwesens sowohl auf organisatorischer als auch auf datentechnischer Ebene kooperieren können. Es gibt bereits fundiertes Praxiswissen in der Schweiz. International wirkt der SIA in der CEN-Normierung mit und beobachtet sehr genau, was die guten und schlechten Erfahrungen im Ausland sind.
     
  2. Wir sind in den vergangenen zwei Jahren gut in Fahrt gekommen und die Kooperation hat begonnen (www.netzwerk-digital.ch). Mit dem Merkblatt BIM SIA 2051 ist aktuell ein solides Dokument in der Vernehmlassung, das einen belastbaren Primärprozess beschreibt.
     
  3. In zehn Jahren werden wir nicht mehr von BIM reden, dann wird es eine etablierte Methode sein, wie bereits heute die Planung nachhaltiger Gebäude. Wir müssen bis dahin aber aufpassen, dass durch die Standardisierung von Daten und der digital gestützten Arbeitsprozesse nicht die Vielfältigkeit der Baukultur leidet: In jedem Projekt gibt es nicht standardisierbare Themen.
     
  4. Die Frage ist zu schwarz-weiss: BIM ist ein Teil der sowieso stattfindenden Digitalisierung. Da gibt es Veränderungen. Die aktuell als neu empfundenen, digital gestützten Prozesse werden ein Standard werden und auf die Baubranche abfärben.

Prof. Sacha Menz  Institute of Technology in Architecture, Faculty of Architecture, ETH Zurich

  1. In meinen Augen ist das ganz klar die Konkurrenzfähigkeit. Und das meine ich nicht qualitativ, sondern wirtschaftlich. Ich betrachte dabei besonders den Konkurrenzkampf in der Planungs- und Baubranche im innereuropäischen Raum.
     
  2. Wir befinden uns mittendrin in einer enormen Entwicklung. Und die Schweiz ist da weit fortgeschritten. Die Nutzung von Tablets auf der Baustelle ist bei uns Alltag. Was noch nicht funktioniert, ist der Übergang von der Planungs- in die Ausführungsphase. Die BIM-Chain hat noch keine Kettenfunktion.
     
  3. Ich sehe das eher differenziert. Wir können heute auch ohne BIM bauen. Alle reden derzeit von BIM und dass damit alles besser wird. Solange wir aber die Methodik noch nicht verstanden haben, verändert sich wenig. Die Schweiz tut gut daran, ein entsprechendes Regelwerk zum digitalen Bauen zu erstellen. Erste Schritte vom SIA sind in Arbeit. Die Regelwerke sollten aber aus der Praxis heraus entstehen. Wenn ich bedenke, dass in den 80er-Jahren die Erstellung des CAD-Merkblattes zehn Jahre benötigte, wage ich keine Prognose.
     
  4. Internationale Vergleiche sind schwierig. Die USA und die Schweiz beispielsweise haben eine völlig unterschiedliche Baukultur. Wir sollten den Schweizer BIM-Weg weitergehen und ein möglichst gutes Regelwerk schaffen.

Dr. Benjamin Wittwer  Direktor der Dachorganisation « bauenschweiz »

  1. Herausforderungen gibt es einige. Eine ökonomische Herausforderung sind die tiefen Preise in der Bauwirtschaft. Sie stellen nicht nur für die Auftragnehmer ein Problem dar, sondern lohnen sich im Endeffekt auch für die Bauherren kaum. Sie wirken sich negativ auf die Qualität am Bau aus und vernachlässigen die langfristige Optik. Eine andere Problematik ist der herrschende Fachkräftemangel in unserer Branche.
     
  2. Die Bauprozesse sind in Bewegung. Die Digitalisierung beim Bauen gewinnt zunehmend an Bedeutung. Es ist davon auszugehen, dass unsere heutigen Prozesse durch die Digitalisierung mittelfristig grundlegende Änderungen erfahren werden.
     
  3. BIM ist gegenwärtig in aller Munde. Auch wenn BIM in der Praxis hierzulande noch kaum angekommen ist, wird diese Methode vermutlich über kurz oder lang Einzug halten. Derzeit sind aber unzählige Fragen rund um BIM noch offen. Digitalisierung ist denn auch nicht das Allerheilmittel gegen alle bestehenden Probleme. Themen wie die übermässige Preisgewichtung oder der vorhandene Fachkräftemangel werden auch mit BIM nicht einfach vom Tisch sein.
     
  4. Es ist sinnvoll, dass sich die betroffenen Kreise gemeinsam des Themas annehmen, bevor BIM einfach zum neuen Standard erklärt wird. Wenn sich alle hierfür einsetzen, dann dürfte dem Planen und Bauen mit BIM wohl nichts mehr im Wege stehen.

Paul Curschellas  Mitbegründer buildingSMART Schweiz mit Bauen digital Schweiz und an der ETH verantwortlich für das Projekt der eidgenössischen Kommission für Technologie
und Innovation für den Aufbau der Swiss BIM Library

  1. Die  digitale Transformation verändert die Art und Weise der Informationsbeschaffung und greift in die fundierten Planungs- und Entscheidungsprozesse, mit unmittelbarer Auswirkung auf die Geschäftsmodelle, ein. Der Wille ist der Motor für den Wandel und nur zu  oft wird dieser durch Normen und Politik gebremst. Unterschiedlicher könnten diese Geschwindigkeiten nicht sein, in der diese Veränderungen stattfinden. Die Kunst und zugleich die Herausforderung wird es sein, diesen Wandel gemeinsam zu vollziehen!
  2. Bauen ist lokal. Die Digitalisierung bricht diese geschlossene Sicht  auf, bietet neue Möglichkeiten und neue Geschäftsmodelle. Die Konsequenz ist klar: Planer, Architekten und Ingenieure stellen um und nutzen diese Chance. Mit BIM erreicht die Planung im Gesamtprozess eine  bis dato nie erreichte Qualität
  3. Unsere Welt wird zunehmend digital – auch die Baubranche, das «digitale Bauen» wird die Bauindustrie grenzüberschreitend umkrempeln.  Alles, was digitalisierbar ist, wird digitalisiert!
  4. Die Folge ist klar, Building Information Modeling ( BIM ) setzt sich als  Informationsstandard und zunehmend als Baustandard für alle Beteiligten durch, auch für die Planer, Architekten und Ingenieure wie für  die Unternehmungen und Bauprodukthersteller

Peter Scherer  Leiter der Geschäftsstelle « Bauen digital Schweiz »

  1. Mit einer soliden Bildungslandschaft als Basis steht die Schweiz ganz vorne in Sachen Qualität am Bau. Die Herausforderung liegt in der Kompetenz der Zusammenarbeit und des Datenmanagements; diese sind durch die gängige Praxis nicht optimal organisiert. Diese zwei Faktoren stellen die grössten Herausforderungen dar. Weiter steht die wertschöpfende Nutzung von disruptiven Technologien zunehmend im Fokus.
     
  2. Derzeit wird viel diskutiert, aber nur wenig gehandelt, es herrscht Verunsicherung über die eigene Transparenz. Die Schweiz hat die globalen Risiken noch nicht erkannt. Firmen, welche sich des Schadens-ausmasses bewusst sind, treiben aus eigener Motivation das Thema voran.
     
  3. BIM wird heute vielfach als Marketing verwendet und noch zu selten in der Zusammenarbeit eingesetzt. In zehn Jahren wird diese Verlagerung abgeschlossen sein. Mit BIM lässt sich dann kein Marketing mehr machen, es ist Bestandteil der täglichen Arbeit. Durch BIM werden jedoch neue Möglichkeiten erschlossen und damit wird die Reise der Digitalisierung fortgesetzt. BIM ist nur ein kleiner, erster Schritt.
     
  4. Ja, daran gibt es keinen Zweifel. Wobei es zu bedenken gilt, dass wir die Worthülse BIM sowohl international (ISO, CEN) wie auch national zuerst noch fertig definieren müssen.

Prof. Manfred Huber  dipl. Arch. ETH SIA, MAS VDC FHNW

  1. Die Komplexität im Entwurf, Bau und Betrieb von Bauwerken hat massiv zugenommen. Ebenfalls sind die Anforderungen seitens Auftraggeber, Nutzer, Betreiber und der Gesellschaft an unsere bebaute Umwelt berechtigterweise hoch. Heute entsprechen aber weder die verwendeten Prozesse noch die eingesetzten Werkzeuge den stark veränderten Randbedingungen.
     
  2. Die Digitalisierung unterstützt neue Methoden und Formen der Bauabwicklung und verhilft uns damit zu einer deutlichen Qualitätssteigerung beim Planen, Bauen und Betreiben. Die Digitalisierung alleine erbringt keinen Mehrwert, die Form der Zusammenarbeit ist anzupassen.
     
  3. Die Methode des digitalen, modellbasierenden Planens, Bauens und Betreibens gibt uns heute schon die Möglichkeit, auf die stark gestiegenen Anforderungen zu reagieren und Antworten auf die hohe Komplexität zu finden. Nutzen wir sie. Die Weiterentwicklung der digitalen Planungs- und Bauprozesse wird uns rasch zusätzliche neue Ansätze in der Abwicklung geben, die wir heute nur erahnen können.
     
  4. BIM ist schon heute Realität. Die Nutzung digitaler Bauwerksmodelle als Informationsdatenbanken in Kombination mit neuen Formen der Projektabwicklung wird sich rasch flächendeckend durchsetzen. Die Vorteile sind für alle Anspruchsgruppen augenscheinlich. Neue Entwicklungen werden diesen Prozess beschleunigen.

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