Qualität ist mehr als Zeitersparnis

 
 

 
 Stefan Cadosch

 Architekt und Präsident des SIA

Viele versprechen sich von der Digitalisierung der Planungs- und Baubranche in erster Linie eine Zeit- und damit Kostenersparnis im Planungs- und Bauprozess. So zumindest ist es häufig zu lesen oder zu hören im Zusammenhang mit Building Information Modeling (BIM).

Auch ich bin der Meinung, dass unsere Planungs- und Bautechniken stetig weiterentwickelt und optimiert werden müssen, dass die Abläufe vielleicht noch etwas weniger lang dauern könnten als bis anhin. Und auch ich erlebe die Möglichkeiten, welche uns die Technologie hier eröffnet, als ausserordentlich vielversprechend und spannend.

Aber: Zeitersparnis ist nicht alles im Leben. Und deshalb ist sie auch nicht alles beim Gestalten der Bühne dieses Lebens, dem Bauwerk und Landschaftsraum Schweiz. Überhaupt – so stelle ich wieder zunehmend fest – ist langsam schneller als schnell. Ist es doch besser und auch weniger kostspielig, etwas langsam und dafür in einem Mal richtig zu machen, als flink in der Sackgasse zu landen.

So kann und darf es uns auch beim Planen und Bauen unserer Häuser, Dörfer, Städte und Infrastrukturen nicht nur darum gehen, möglichst schnell voranzukommen. Vielmehr muss unser Kernanliegen sein, den Bedürfnissen und Wünschen des einzelnen Menschen, für den wir bauen, als auch der Gemeinschaft, in deren Landschaft, Dorf oder Stadt wir hineinbauen, so präzise und raffiniert zu entsprechen, dass dabei nicht nur räumliche Unterbringung und Versorgungslösung, sondern ein Stück nachhaltiger Lebensraum von hoher Güte resultiert.

Das muss auch im gerade beginnenden zweiten Maschinenzeitalter so bleiben. Deshalb: Die Weiterentwicklung der hiesigen Planungs- und Bauprozesse ist gut, aber nur soweit sie auch in Zukunft unserer Planungs- und Baukultur zugute kommt.

  • Prof. Manfred Huber
  • Urs-Peter Menti
  • Ludovica Molo
  • Ständerat Hans Wicki
  • Peter Scherer
Prof. Manfred Huber
dipl. Arch. ETH SIA
Leiter Kompetenzzentrum Digitales Entwerfen und Bauen FHNW

Gemeinsam und integral in die digitale Bauzukunft !

Das digitale Planen und Bauen ist in aller Munde. BIM – Building Information Modeling – ist das Schlagwort der Stunde. Das Gespräch dreht sich dabei oft um geeignete Softwareprodukte, Schnittstellen und Datenmodelle.

Selbstverständlich werden diese Werkzeuge und Hilfsmittel bei der digitalen Planung, Erstellung und Bewirtschaftung von Bauwerken genutzt. Trotzdem: BIM ist zuallererst eine modellbasierende Methode. Was seit mehr als dreissig Jahren gefordert, aber kaum umgesetzt wurde, wird zur Basis für den Erfolg: die integrale und disziplinübergreifende Projektabwicklung. Architekten, Fachingenieure und Auftraggeber tauschen sich schon zu Beginn intensiv über die zu erreichenden Projektziele aus. Denn ohne gemeinsam festgelegte Ziele bleibt unklar, was der Inhalt der digitalen Bauwerksmodelle sein soll.

Ein Austausch der je eigenen BIM-Modelle unter den Partnern kann zwar erfolgen, diese werden aber nicht diejenigen Informationen enthalten, welche die Partner bei Bauprojekten gemeinsam weiterbringen. Eine der ganz grossen Chancen des digitalen Planens und Bauens wird so verpasst. Wird aber gemeinsam festgelegt, wer, wem, wann, wie und wofür, welche Informationen modellbasierend zur Verfügung stellt, so lassen sich die darin enthaltenen Informationen früher und in einer qualitativ höheren Form nutzen. Beim konventionellen Planungsprozess stehen diese Informationen zwar auch zur Verfügung.

Doch die oft singuläre und nicht disziplinübergreifende Nutzung und deren konventionelle Darstellung in Planform verunmöglichen oft deren rechtzeitigen Einsatz. Befinden sich die Informationen hingegen in einem Modell mit Eigenschaften, das disziplinübergreifend allen zur Verfügung steht, so erreichen sowohl die Projektierung als auch das zu erstellende Werk eine neue Qualität. Begeben wir uns als Architekten und Planende gemeinsam mit unseren Auftraggebern auf den digitalen, modellbasierten Weg für eine erfolgreiche Zukunft des Bauens!

Urs-Peter Menti
Vorstandsmitglied des Netzwerks Nachhaltiges Bauen Schweiz NNBS

Den Generationsvertrag erfüllen:
Nachhaltiges Bauen – raus aus der Nische !

Haben Sie sich auch schon gefragt, warum das nachhaltige Bauen bei uns immer noch ein Nischenprogramm ist? Das Know-how wäre ja vorhanden. Trotzdem betreiben es vornehmlich Idealisten und einige engagierte Investoren und Unternehmen. Etwas weiter scheint der öffentliche Bau – der ja auch eine Vorbildfunktion zu erfüllen hat.

Das Problem dabei ist, dass die Schweiz rasch flächendeckend nachhaltiger werden muss, und das geht nur, wenn auch der Bausektor mitzieht. Die Stossrichtung an sich ist akzeptiert, sie basiert auf einem Verfassungsauftrag sowie auf internationalen Verpflichtungen zum Klima- und Artenschutz. Zudem dient Nachhaltigkeit am Bau auch der Volksgesundheit und der langfristigen Werterhaltung von Investitionen.
Doch im Alltag bleibt das für die meisten Bauherren, Investoren und Mieter eher nebensächlich. Warum, ist oft unklar.

Ist ihnen egal, dass ihre Häuser Energie verpuffen? Wissen sie nicht, wie wichtig ein gesundes Innenraumklima, eine anregende, vielfältige Umgebung für ihr Wohlbefinden wären? Haben sie je überlegt, ob billig bauen auf Dauer wirklich günstig ist? Verbinden sie Nachhaltigkeit mit langweiliger Architektur? Befürchten sie, nachhaltig bauen sei kompliziert und teuer?

Weil wir keine Antworten auf solche Fragen haben, wissen wir ursächlich auch nicht, wie sich die Nachfrage im nötigen Umfang steigern liesse. Klar, der Staat kann in gewissem Rahmen mit Ge- und Verboten oder lenkenden Massnahmen nachhelfen. Aber letztlich wird das wohl nur gelingen, wenn das nachhaltige Bauen zur sozialen Norm wird und wir unseren Generationenvertrag erfüllen.

Um zu verstehen, wie das zu erreichen wäre, hat das Netzwerk Nachhaltiges Bauen Schweiz NNBS mit Partnern vor Kurzem eine verhaltensökonomische Studie lanciert. Sie soll zeigen, was die Menschen bei ihren Miet- und Kaufentscheiden beeinflusst, was sie antreibt und was sie hemmt. Unter www.wohnen2020.ch können auch Sie bei der Studie mitmachen und Infos zu den Resultaten bestellen. Diese sollten im Frühsommer vorliegen – man darf gespannt sein.

Ludovica Molo
Zentralpräsidentin BSA

Trotzdem
« Alles Entscheidende entsteht trotzdem » – Friedrich Wilhelm Nietzsche

In Zeiten grosser Umwälzungen stehen Architektinnen und Architekten vor grossen Herausforderungen und Chancen: Die Veränderungen des Klimas und globale Migrationsbewegungen wirken sich auf den gebauten Raum aus – auch und vor allem in den Städten. Die Digitalisierung aller Lebensbereiche ist ein integraler Bestandteil dieses Wandels; sie durchdringt die Gesellschaft bereits auf vielen Ebenen und wird die Zukunft entscheidend mitgestalten. Diese Dynamik und die Kraft der neuen Technologien gilt es für die nachhaltige Entwicklung unseres Lebensraums zu nutzen.

Die Geschichte der Architektur ist seit jeher geprägt vom technischen Fortschritt. Jede Epoche nutzte die ihr zur Verfügung stehende Technologie, um sich weiterzuentwickeln und ihre Grenzen auszuloten, um neue Aufgaben schneller, günstiger und in einer besseren Qualität zu lösen. So war es immer und so wird es immer sein.

Architektinnen und Architekten haben sich dem Fortschritt nie verschlossen, und sie werden auch dieses Mal mitgehen – einige euphorisch, andere zögernd, aber stets mit der Überzeugung, dass Technologie kein Selbstzweck ist und dass Architektur in erster Linie eine kulturelle und soziale Praxis ist. Die Herausforderungen der Zukunft werden nicht durch, sondern mit neuer Technologie gelöst.

Hierfür ist ein Agieren in grösseren Zusammenhängen notwendig. Auch die Architektur muss diesen eigentlich uralten Anspruch wieder neu formulieren, nachdem sie sich in den letzten Jahrzehnten eher zurückgezogen hatte. Sie kann das analytische, Gestalt und Zusammenhang suchende Denken im übergeordneten Massstab anbieten, das so dringend benötigt wird.

Unter den heutigen Bedingungen der Komplexität und wechselseitigen Abhängigkeit vieler Faktoren müssen solche Prozesse zwingend die Disziplinengrenzen überschreiten. Architektinnen und Architekten sind aufgefordert, die Verantwortung für die grossen Linien zu übernehmen und ihre Rolle in der Zivilgesellschaft neu zu definieren. Das ist letztlich nichts weniger als ein neuer Gesellschaftsvertrag der Architekten, ein contrat social in der Nachfolge von Jean-Jacques Rousseau.

Ständerat Hans Wicki
Präsident bauenschweiz

Die Trümpfe der Baubranche

Die schweizerische Bauwirtschaft verfügt über viele Trümpfe. Sie ist eine wichtige Konjunkturstütze. Mit einem Jahresumsatz von rund 65 Milliarden Franken generiert sie gegen 10 % des BIP und sichert eine halbe Million Jobs. Dabei ist auch das Lohnniveau gut. Eine Lehre in der Baubranche bietet Jugendlichen eine solide Grundausbildung mit unzähligen Aufstiegs- und Entwicklungschancen.

Die Bauwirtschaft ist nicht nur in pulsierenden Zentren, sondern über das ganze Land verteilt präsent. Namentlich in den Berg- und Randregionen ist sie neben dem Tourismus das zweite Standbein.

Die Baubranche sorgt auch für eine zuverlässige Versorgung und Infrastruktur. Unser Land verfügt über ein erstklassiges Strassen- und Schienennetz. Und die hiesige Ingenieurskunst – auf die wir stolz sein dürfen – hat uns zu einer eigentlichen Brücken- und Tunnelnation gemacht.
Unsere Branche ist es auch seit jeher gewohnt, den Blick nach vorne zu richten.

Themen wie Energieknappheit, beschränkte Bodenressourcen oder die älter werdende Bevölkerung betreffen unseren Wirtschaftszweig ganz direkt. Viele unserer Planungsbüros und Baufirmen befassen sich intensiv mit diesen Themen und suchen nach zukunftsträchtigen Lösungen.

Dazu gehören auch Veränderungen bei den Bauprozessen. Diese sind in Bewegung. BIM, Building Information Modeling, ist derzeit in aller Munde und das digitale Bauen und Planen hält auch hierzulande Einzug.

Die Bauwirtschaft ist eine vitale Branche und hält viele Trümpfe in der Hand. bauenschweiz – als Dachverband der Schweizer Bauwirtschaft - verleiht der Branche eine gemeinsame Stimme. Denn gerade auf dem politischen Parkett ist es wichtig, dass die Trümpfe dieses wichtigen Wirtschaftszweigs auch tatsächlich ausgespielt werden.

Peter Scherer
Geschäftsführer, Bauen digital Schweiz

Führung und Wissen – Schlüsselelemente in der digitalen Transformation

In Zeiten des Wandels kommt, nach einer ersten Phase der Euphorie, schnell der Wunsch nach Struktur, Ordnung und Verlässlichkeit. Dabei werden oft utopische Wunschvorstellungen prophezeit, welche nur schwer zu erfüllen sind. Alle Bauprojekte sollen nach dem gleichen «Schema F» abgewickelt werden, alles soll automatisiert und rationalisiert werden – Agilität wird zum Dauerzustand. Individualität, Führung und soziale Verantwortung geraten in den Hintergrund. Die Digitalisierung kann scheinbar viele Herausforderungen lösen.

«Die Digitalisierung ist wie Saturn, sie frisst ihre eigenen Kinder.» Diese leicht modifizierte Aussage von Pierre Victurnien Vergniaud, einer der Führer der Girondisten in der Französischen Revolution, hat sich mehrfach bestätigt.

Wer die Digitalisierung mit einer Revolution gleichsetzt, sollte sich dieses Zitats bewusst sein. Ein nachhaltiger Wandel geht eher evolutionär vonstatten, die DNA der Zusammenarbeit verändert sich dabei gemächlicher. Diese Zeit ist wichtig und wertvoll, die Welt von morgen muss wohlüberlegt gestaltet werden. Geister die man ruft, wird man nur schwer wieder los.


Trotz der mahnenden Worte bietet die Digitalisierung eine einmalige Chance für die Schweizer Bauwirtschaft. Fragen in Sachen Wissen und Bildung sowie die Auswirkungen der globalen Herausforderungen und deren Einfluss auf unsere Wirtschaft müssen jetzt angegangen werden.

Dies, damit zeitnah erste Antworten geliefert werden können. Diese Signale sind wichtig, damit nicht der Eindruck entsteht, die Schweizer Bauwirtschaft befinde sich im digitalen Tiefschlaf. Das ist eine Führungsaufgabe und muss – auch in der digitalen Welt – primär auf der Beziehungsebene geleistet werden. Führung lässt sich nicht durch digitale Hilfsmittel ersetzen.

Umfassende Normen und Standards zur digitalen Zusammenarbeit sind bereits da und können adaptiert werden, wenn das entsprechende Wissen vorhanden wäre. Wir müssen die digitale Welt nicht neu erfinden. Die Schweizer Bauwirtschaft tut gut daran, sich auf ihre Werte zu besinnen: Qualität, Individualität und Stabilität.