4000 Liter Heizöl: Etwa so viel verbraucht ein schlecht gedämmtes Einfamilienhaus jährlich. Das gleiche Gebäude im Minergie-P-Standard benötigt maximal 600 Liter Heizöl. Und es geht noch besser: So genannte Plus­energiehäuser produzieren die für ihren Betrieb notwendige Energie für Heizung und Warmwasserverbrauch selbst – mit Überschuss. Die Idee ist nicht neu. Erste Plusenergiehäuser sind schon vor mehr als 20 Jahren gebaut worden. Das Experimentelle stand damals allerdings im Vordergrund, die eingesetzte Technik war nicht immer serienreif. Heute sind Solarzellen und Sonnenkollektoren Standard und in unterschiedlichsten Ausführungen verfügbar.

Ein solches Plusenergiehaus wird gerade in Wald im Kanton Zürich gebaut. In der Endbilanz wird das Mehrfamilienhaus dereinst nicht Energie verbrauchen, sondern Strom mit Überschuss produzieren – und das bei insgesamt neun Wohnungen, die zwischen drei bis fünf Zimmer gross sind. Äusserlich wird der Bau von einem herkömmlichen kaum zu unterscheiden sein. Das kubische Gebäude wird mit einer Holzfassade bekleidet, Terrassen und Balkone bilden grosszügige Aussenräume. Einziges auffälliges Merkmal: An den Balkonbrüstungen werden Solarzellen angebracht. Die grosse Fotovoltaikfläche auf dem Flachdach bleibt dem Betrachter hingegen verborgen.
 

Haustechnik und Wärmedämmung

Die Fotovoltaikanlagen reichen aus, um den Strombedarf für Heizung, Wasser­erwärmung und Lüftung zu decken. Das Plusenergiehaus in Wald wird einen Überschuss an Strom produzieren – dieser lässt sich ins Stromnetz einspeisen. Die positive Energiebilanz ist möglich durch eine Kombination von moderner Haustechnik mit sehr guter Wärmedämmung. Dank Minergie-P-Eco-Standard ist der Heizwärmebedarf des Hauses gering. Die Wärme für Heizung und Warmwasser bezieht das Haus über eine Erdsonden-Wärmepumpe, belüftet wird es über eine Komfort-Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung.
Nicht nur der Energiebedarf ist tief: Der Minergie-P-Eco-Standard verlangt zusätzlich einen tiefen Wert für graue Energie. Das ist durch eine Mischbauweise möglich: Nur Geschossdecken, Treppenhaus sowie Untergeschoss sind massiv gebaut – und das mit einem hohen Anteil an ressourcenschonendem Recyclingbeton. Die Fassade besteht aus Holzelementen, ebenso wie die Innenwände, die grösstenteils als Holzrahmenbau erstellt sind. Der Minergie-P-Eco-Standard wirkt sich auch positiv auf den Wohnkomfort aus: Aufgrund der starken Wärmedämmung sind die Temperaturen in Gebäudeinneren stets ausgeglichen und die eingebaute Komfortlüftung sorgt kontinuierlich für frische Luft.
 

Zukünftig neutrale Bilanz

Plusenergiehäuser sind umweltfreundlich, komfortabel und machen die Eigentümer unabhängig von fossilen Brennstoffen. Doch lohnen sich die Mehrkosten für ein Plusenergiehaus finanziell? Bei den heutigen Energiepreisen nicht immer. In Zukunft dürfte sich das aufgrund steigender Energiepreise und knapper werdender Ressourcen allerdings ändern. Das sieht auch die Europäische Union so: Mit ihrer Gebäuderichtlinie schreibt sie vor, dass ab 2021 nur noch Niedrigstenergiehäuser errichtet werden dürfen – solche müssen eine fast neutrale Energiebilanz haben, sie sind also sehr nahe bei den Plusenergiehäusern. In der Schweizer Politik laufen Gespräche, die in dieselbe Richtung zielen.

Wie die neutrale oder gar positive Energiebilanz zu erreichen ist, wird allerdings nicht definiert. Minergie nennt ihren Plusenergiestandard Minergie-A. Die Wärmedämmung kann dabei moderat ausfallen, muss also nicht zwingend dem Minergie-P-Standard entsprechen. Minergie-A deckt damit das ganze Spektrum ab: Hochgedämmte Häuser mit kleinen Solaranlagen sind ebenso möglich wie Bauten mit moderater Wärmedämmung und grossen Kollektoren- oder Fotovoltaik-Anlagen. Ob bei einem Plusenergiehaus eine möglichst starke Wärmedämmung vorgeschrieben sein soll, diskutieren Fachleute zurzeit kontrovers. Auf der einen Seite ist Energieeffizienz das Gebot der Stunde, auf der anderen Seite ermöglichen flexible Lösungen mehr architektonische Freiheit.