Die Herausforderungen, mit denen die Bauwirtschaft aktuell konfrontiert wird, sind gross. Die nach wie vor hohe Auslastung im Tagesgeschäft bietet den Unternehmen kaum Zeit und Raum für strategisch notwendige Entwicklungen.

Aber die Bauwirtschaft tut gut daran, sich diese Freiräume selber zu schaffen und neue Geschäftsmodelle und Prozesse nicht anderen zu überlassen. Was Letzteres bedeutet, haben traditionelle Unternehmen in anderen Industriebereichen, beispielsweise in der Musik- oder der Fotoindustrie, zum Teil schmerzhaft erfahren müssen.

Digitalisierung und Mehrwert

Die Digitalisierung hat zumindest in der Planung schon vor längerer Zeit eingesetzt, bekommt aber erst mit den neuen, prozessübergreifenden Möglichkeiten, die nun auch in der Realisierung und Bewirtschaftung einen Mehrwert generieren können, eine Bedeutung für die gesamte Bauwirtschaft.

Der «digitale Zwilling», der mit dem Building Information Modeling (BIM)  in der Planungsphase generiert wird, kann sowohl für die Realisierung als auch für den Betrieb der Bauten wesentliche Effizienzsteigerungen, aber auch qualitative Verbesserungen schaffen.

BIM schafft also erst die Voraussetzung für eine vertikale Integration der Prozesse wie der Terminplanung und des Facility-Managements; beispielsweise über das Internet of Things (IoT). Wie sehr diese Entwicklung auch Arbeitsplätze ersetzen oder auch neue schaffen kann, wird sich weisen.

Erste Anzeichen für eine Substitution im Planungsprozess zeigt zum Beispiel die vom Start-up-Unternehmen Aditazz im Silicon Valley entwickelte, auf Algorithmen basierende Planungssoftware: Sie generiert «per Knopfdruck» kriterienbasierte Gesamtplanungen. Diese aus der Chipindustrie hervorgegangene Firma, die ich im August 2016 besuchen konnte, zeigt exemplarisch, wie neue Ansätze gewohnte Prozesse ablösen und echten Mehrwert schaffen.

Dekarbonisierung und Dezentralisierung

Neubauten erfüllen heute bereits weitgehend die Anforderungen an das nachhaltige Bauen.

Die Energiestrategie 2050 bedingt im schweizerischen Gebäudepark nicht nur eine markante Effizienzsteigerung der eingesetzten Energie, sondern vor allem auch eine Abkehr von den fossilen Brennstoffen.

Neubauten erfüllen heute bereits weitgehend die Anforderungen an das nachhaltige Bauen. Dies dank den Entwicklungen der Avantgarde rund um das Label Minergie, den entsprechenden SIA-Normen sowie den verschärften kantonalen Vorschriften (MuKEn). Die Transformation der Bestandsbauten mittels energetischer Sanierungen ist hingegen mit einer Rate von weniger als einem Prozent pro Jahr noch unbefriedigend.

Hier gilt es, sowohl auf der politischen Ebene attraktive Rahmenbedingungen und zielgerichtete Vorschriften zu schaffen als auch mittels technologischer Entwicklungen die strukturellen Hürden zu beseitigen.

So könnte beispielsweise mit der Entwicklung modularer und dezentraler Gebäudetechnik (Wärmepumpe pro Wohnung) in Mehrfamilienhäusern eine kostenintensive Gesamtsanierung vermieden und die Transformation schrittweise, etwa jeweils bei Mieterwechsel, und ökonomisch verkraftbar (ohne Ertragsausfälle) vorangetrieben werden.

Synergien und New Business

Bauen 4.0 und die Energiestrategie 2050 haben bei intelligenter Adaption etliche Synergiepotenziale. In einem liberalisierten Strommarkt kann so beispielsweise dezentral erzeugter Photovoltaikstrom – beispielsweise über Smart Metering und blockchainbasierte Handelsplattformen – eine ökonomische und automatisierte Energieversorgung sicherstellen.

Ein Beispiel ist das «Micro Grid» in Brooklyn/New York mit rund 300 Haushalten, das im August 2017 im Rahmen der vom Bundesamt für Energie (BFE) organisierten «Swiss-US Energy Innovation Days» besichtigt werden konnte.

Ziel muss es sein, einen «Performance Gap», also einen höheren Energieverbrauch als geplant, zu vermeiden. Ein energieeffizienter Betrieb kann mit  Sensoren und Aktoren (beispielsweise Elektromotoren), die Internet-of-Things-tauglich sind, und cloudbasierten Dienstleistungen erreicht werden.

Dies ist mit wenig Aufwand möglich. Für die maximale Nutzung der Synergiepotenziale bräuchte es in der stark segmentierten Schweizer Bauwirtschaft allerdings auch neue Unternehmensmodelle. Vertikale und horizontale Integrationen drängen sich deshalb auf. Und was dem Schweizerischen Ingenieur- und Architektenverein (SIA) seit 1837 gelingt, nämlich verschiedene Disziplinen und Interessen unter einem Dach zu vereinen, müsste eigentlich auch in der Privatwirtschaft verstärkt möglich sein.