Was ist nachhaltiges Bauen?
Holger Wallbaum: Nachhaltiges Bauen ist zukunftsfähiges Bauen. Es schafft eine lebenswerte Wohn- und Arbeitsumgebung. Natürlich kann man auch mit dem klassischen Drei-Säulen-Modell argumentieren: Nachhaltiges Bauen erfüllt soziale, wirtschaftliche und ökologische Kriterien.

Bei nachhaltigem Bauen denkt man spontan an Hochbau, an nachhaltige Gebäude. Gibt es auch einen nachhaltigen Tiefbau?
Ja. Eine SIA-Kommission hat Empfehlungen für Nachhaltigkeit bei Infrastrukturbauten erarbeitet.

Inwiefern kann denn ein Infrastrukturbau nachhaltig sein?
Nehmen wir den Tunnelbau: Weil es im Berg warm ist, entsteht viel Abwärme, die genutzt werden kann und soll – denn diese Wärme ist wertvolle Energie. Beim Vortrieb gibt es verschiedene Verfahren, die mehr oder weniger Energie benötigen. Oder schauen wir uns den Brückenbau an: Da kann man den Materialverschleiss deutlich reduzieren. Überall gibt es innovative Verfahren, dank denen sich Ressourcen schonen lassen.

Nachhaltigkeit liegt im Trend. Ist Nachhaltigkeit für Architekten und Ingenieure nicht schon längst selbstverständlich? Braucht es überhaupt entsprechende Aus- und Weiterbildungen?
Von Nachhaltigkeit zu reden ist in Mode. Aber nach wie vor sind 90 Prozent aller neuen Gebäude schlicht nicht nachhaltig. Gut ausgebildete Ingenieure können sicher gute Brücken bauen – aber welchen enormen Beitrag zur Nachhaltigkeit sie leisten könnten, wissen sie in der Regel nicht. Sie kümmern sich zum Beispiel nicht um die graue Energie, die in den Materialien steckt, und sie suchen nicht nach innovativen Lösungen. Auch auf Bestellerseite muss sich das Bewusstsein für Nachhaltigkeit noch verbessern. Bei der öffentlichen Hand ist dieses glücklicherwe  ise schon recht ausgeprägt. Aber das hat damit zu tun, dass die Behörden in anderen zeitlichen Dimensionen denken als Private – für sie und zum Beispiel auch für Pensionskassen spielen die Langfristigkeit und der Unterhalt eine viel grössere Rolle als für einen Investor, der meist eher am kurzfristigen Gewinn interessiert ist.

Sie sagen, 90 Prozent der Bauten seien heute nicht nachhaltig. Was ist denn zu tun, damit sich das nachhaltige Bauen stärker durchsetzt?
Man fragt mich oft nach einem solchen Hebel, aber ich muss leider sagen: Den gibt es nicht. Nachhaltigkeit funktioniert nicht so simpel. Weil es Interventionspunkte auf allen Ebenen gibt, muss es auch überall Veränderungen geben: Beim Bewusstsein und der Sensibilisierung, bei den Rahmenbedingungen, bei den Kompetenzen und beim Wissen. Zur Nachhaltigkeit tragen am Ende ja auch nicht nur die Planer bei, sondern eben auch alle Handwerker.

Ihr Lehrstuhl wird vom Zement­hersteller Holcim finanziert. ­Welche Ziele verfolgt der Konzern damit?
Bei Holcim ist das Bewusstsein für Nachhaltigkeit ausgeprägt – das muss es ja auch sein. Man darf nicht vergessen, dass die Zementindustrie etwa 5 Prozent des gesamten CO2-Ausstosses auf der Welt verursacht. Das führt zu einer grossen Verantwortung. Es wird immer Zement brauchen, weil wir einfach zu wenig Holz oder Stahl haben, um auf Beton verzichten zu können. Da ist es entscheidend, dass die Branche selber nachhaltiger wird. Holcim hat früh erkannt, dass sie einen Mehrwert erzielt, wenn sie sich um Nachhaltigkeit kümmert, dass ihr dies eine gute Marktstellung verschafft. Auch viele andere Konzerne, die im Baubereich aktiv sind, haben die Bedeutung der Nachhaltigkeit mittlerweile erkannt und ziehen jetzt nach. Es passiert in dieser Hinsicht eine Menge, aber nicht immer passiert auch das Richtige. Viele denken, ein Engagement für Nachhaltigkeit würde zu einer Win-Win-Situation führen, aber Win-Win ist nicht immer nachhaltig.

Warum?
Nun, Nachhaltigkeit könnte zum Beispiel auch bedeuten, dass man etwas weniger schnell baut – und dafür etwas länger darüber nachdenkt, wie man baut. Kurzfristig ist das jedoch nicht immer so wirtschaftlich.